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22. Juni 2010 2 22 /06 /Juni /2010 11:49

Ob Glühlampe oder Schützenpanzer: Fast alles, was deutsche Soldaten in Afghanistan brauchen, wird ausgeflogen - täglich ab Trollenhagen

Frank Junghänel

TROLLENHAGEN. Dieses kleine Büro am Rande des Flugplatzes in Trollenhagen ist für die deutschen Soldaten in Afghanistan letzten Endes wichtiger als das gesamte Einsatzführungszentrum der Bundeswehr. Hier entscheidet sich, ob sie ihre Post von zu Hause pünktlich bekommen, ob ausreichend Toilettenpapier vorrätig ist, und wenn in Kundus ein Reifen platzt, wird umgehend ein Ersatzrad geliefert, manchmal muss es gleich ein ganzer Schützenpanzer sein. Was Frau Hoffmann, die strenge Sekretärin, in ihre Ladelisten schreibt, ist schon so gut wie vom Hof. Im Prinzip funktioniert dieser Betrieb wie jede Spedition, nur, dass hier regelmäßig ein paar Tonnen Munition auf dem Zettel stehen. Täglich startet in Trollenhagen, einem Vorort von Neubrandenburg, zwei Autostunden nördlich von Berlin, eine Frachtmaschine nach Masar-i-Sharif. In jüngster Zeit sind es oft gleich zwei. 

 

Die gecharterten Transportflugzeuge vom Typ Iljuschin Il-76 kommen von irgendwo aus dem Osten, sie werden in Trollenhagen beladen und fliegen meist gleich wieder davon. Sie sind Teil einer Logistikkette, die auch eine Menschenkette ist. Aus dem friedlichen Mecklenburg führt sie hinein in einen Krieg, der offiziell nicht so heißen darf, jedoch immer mehr Menschen beschäftigt. So oder so. Vielleicht ist ja wirklich nichts gut in Afghanistan, gut organisiert ist es auf jeden Fall.

 

Terminiert nach Zulu

 

Wo jetzt der Nachschub für das deutsche Kontingent der Isaf-Schutztruppe bereitgestellt wird, befand sich früher die Kfz-Werkstatt des Stützpunktes. Seit früher, also seit hier das Jagdfliegergeschwader "Juri Gagarin" der NVA stationiert war, hat sich in dieser Ecke des Fliegerhorstes nicht viel getan. Ein paar Eimer Farbe, wie sie immer mal wieder nach Afghanistan geht, würden auch den eigenen Wänden gut tun. Was im Laderaum wohin kommt, bestimmen Andreas Wille und René Böttcher. Wenn sie sich an ihrem Arbeitsplatz gegenübersitzen, wirken sie wie zwei Entwürfe der Spezies Berufsmilitär. Oberleutnant Wille, 39 Jahre, blank rasiert und von massiver Statur; Oberfeldwebel Böttcher, 33 Jahre, exakt getrimmter Kinnbart und eher schmal. Wille hat in der Nähe gebaut, Böttcher wohnt in der Kaserne und pendelt jedes Wochenende nach Hause. Beide kommen aus der Magdeburger Gegend. Was sie auf dem entlegenen Flugplatz mit ihren drei Dutzend Soldaten im Schichtbetrieb bewerkstelligen, nennt die Bundeswehr "Folgeversorgung Afghanistan".

 

An keinem anderen Ort lässt sich so gut beobachten, wie sehr sich allein die materiellen Folgen dieses Militäreinsatzes inzwischen ausgewachsen haben. Wurden in den fünf Jahren zwischen 2004 und 2009 in Trollenhagen tausend Maschinen abgefertigt, so sind es in den ersten fünf Monaten dieses Jahres bereits zweihundert. Tendenz steigend, wie Wille sagt.

 

Im Büro, das mit Gummibaum, Kalender und Flugzeugpostern eher bescheiden ausgestattet ist, hängt eine Wandtafel, auf der die Flüge der Woche mit Fettstift eingezeichnet sind. Um zwölf wird die Mittagsmaschine erwartet, später kommt dann noch eine. In der betreffenden Zeile steht "1700 z out". Das heißt, sie wird den Flugplatz 17.00 Uhr Zulu verlassen. Zulu bedeutet im Nato-Alphabet Z wie Zero, erklärt Böttcher, also Null, was nun wiederum die Zeit am Null-Meridian in London-Greenwich meint. Alle Operationen der Nato würden nach Zulu terminiert. Die drei Uhren für drei Zeitzonen, Zulu, Local und Masar-i-Sharif, verorten das Quartier der Luftspediteure in der Weltpolitik.

 

Mit schwarzen Abgasschleppen

 

Die erste Operation dieses Tages kündigt sich in Trollenhagen an, als sich der schwere Hochdecker vom sommerlichen Himmel herabsenkend der Piste nähert. Die vier Turbinen der in den Sechzigerjahren entwickelten Il-76 ziehen jeweils eine schwarze Abgasschleppe hinter sich her, die sich wie Schleier auf die Landschaft legen. Zu hören ist das Flugzeug dann auch sehr bald. Die Maschine der georgischen Fluggesellschaft Sky Georgia unterliegt der Lärmschutzklasse 7, das ist die höchste, weswegen sich stets nur ein Exemplar dieses Typs im deutschen Luftraum befinden darf. Beim Verkehr auf einem zivilen Flughafen würden für diese älteste Version der Il-76 Gebühren von zirka 70 000 Euro pro Woche anfallen. In Trollenhagen ist die Landung frei. Das ist ein Grund dafür, dass die Versorgung des deutschen Isaf-Kontingents im Jahr 2004 vom Flughafen Köln-Bonn nach Mecklenburg verlegt wurde. Zudem ist auf dem gut ausgebauten Fliegerhorst sonst kaum Betrieb.

 

Da die Bundeswehr über kein eigenes Transportflugzeug verfügt, das die Truppen in Afghanistan versorgen kann, muss sie Maschinen chartern, zu welchen Konditionen, ist in Trollenhagen ein militärisches Geheimnis. "Ich könnte es sagen", sagt Wille, er tut es aber nicht. 

 

In jenem Moment, da die Il-76 am Ende der Start- und Landebahn ausgerollt ist, öffnet sich bereits ihr riesiges Hecktor. Sofort fahren Gabelstapler heran, um die vorsortierten Paletten in den Frachtraum zu heben, Kabeltrommeln, Papierhandtücher, Leitern, Glühlampen und eben Post.

 

An diesem Tag kommt die Iljuschin leer in Trollenhagen an. Mitunter sind aber auch Fahrzeuge der Bundeswehr an Bord, die "unter Beschuss" geraten sind, wie es Andreas Wille nennt. Sie werden in der Wehrtechnischen Dienststelle in Trier kriminaltechnisch untersucht. Beschuss, das meint auch Sprengfalle oder Mine. "Das ist schon hart", sagt Wille, "wenn man weiß, dass darin Soldaten verletzt wurden oder sogar gestorben sind." In Kürze wird wohl wieder ein Wrack aus Kundus eintreffen, wo am Wochenende Soldaten in ihrem gepanzerten Dingo angegriffen wurden.

 

Jetzt geht auch am Bug die Tür auf, eine Eisenleiter wird heruntergelassen. Bis auf den Lademeister, der die Last verstaut, hat die Crew Pause. Die acht Flieger kommen nur kurz herunter, um sich die Beine zu vertreten, dann klettern sie wieder an Bord. Oben in dem zweietagigen Cockpit, das mit seinen Stiegen, Rohren und Armaturen eher wie der Maschinenraum eines Frachtschiffes wirkt, brüht der Kopilot Tee, der Ingenieur schmiert Brote. Jeder hat was von zu Hause mitgebracht. Sie stammen aus Russland, der Ukraine, Kasachstan und Weißrussland. Ihr Flugzeug wurde in Moskau konstruiert und in Taschkent gebaut. In dieser Zeitkapsel aus Aluminium und Blech lebt die Sowjetunion fort.

 

Die Besatzung scheint ebenso von der Weltgeschichte eingeholt worden zu sein wie ihre Maschine. Wladimir Iwanow, 58 Jahre alt, ein stiller Mann, dessen Autorität nicht darunter leidet, dass er in Trainingshose und T-Shirt am Steuerhorn sitzt, fliegt seit 1975 auf der Il-76, damals noch im Dienst der sowjetischen Luftwaffe. Er kennt Afghanistan nur zu gut, wie er müde sagt. Den ganzen sowjetischen Krieg hat er mitgemacht. Bei fünfhundert Einsätzen nach Kabul, Bagram und Kandahar ist er den Truppentransporter geflogen, stets in Gefahr, mit dem schwerfälligen Flugzeug von den Mudschaheddin abgeschossen zu werden. Sein Funker Sergej, 51, der berufsbedingt viel spricht und auch in der Pause nicht damit aufhört, war ebenfalls mit der Iljuschin im ersten Krieg. Jetzt fliegt er wieder in das geschundene Land. "Das ist mein Job", sagt er. Den Glauben daran, dass der neue Krieg gegen wen auch immer zu gewinnen sei, hat er schon vor fünfundzwanzig Jahren verloren.

 

Gesichtet und bezettelt

 

Nach einer Stunde und zwanzig Minuten wird die Leiter wieder eingeholt. Mit wippenden Tragflächen rollt die Maschine zur Startbahn. Dann verschwindet sie. Die Soldaten rücken ab. In der Halle wird bereits die nächste Lieferung zusammengestellt. Im Prinzip funktioniert die Versorgung der Isaf nicht viel anders als eine Bestellung bei Amazon. Die Order geht online an das Logistikzentrum der Bundeswehr in Wilhelmshaven, dort wird die Dringlichkeit geprüft und recherchiert, wo die gewünschte Ware zu beziehen ist, aus einem Depot der Bundeswehr oder auch von einem zivilen Anbieter.

 

Dann gelangt alles just in time, wie es in der Logistiksprache heißt, also ohne lange Lagerzeit zum Endverbraucher. Die Transportwege aus dem Bundesgebiet bündeln sich zunächst in Waren an der Müritz, wo das Material im sogenannten Bereitstellungs- und Umschlagzentrum gesichtet, bezettelt und versandfertig gemacht wird.

 

Chef dort ist Hauptmann Schwarz, dessen Armeezeit 1976 an der Offiziersschule in Zittau begann. Schwarz ist so ein Mann, bei dem die Uniform nicht sehr militärisch wirkt, eher wie ein Blaumann. In der NVA war der 53-Jährige zuletzt als Oberoffizier für Treib- und Schmierstoffe zuständig. So was gab es auch, rückwärtige Dienste hieß das, und es passt gut zu dem zurückhaltenden Mann, den man sich in keiner Armee der Welt in vorderster Linie vorstellen kann. Die riesigen Betonhallen in Waren dienten bereits der Volksmarine der DDR als Lager. In einem abgetrennten Bereich wird die Ladung für Afghanistan sortiert. Mehrere Paletten mit Sandsäcken sind dabei, für den Stellungsbau.

 

Daneben stehen Möbel, in Pappkarton verpackt, wie bei Ikea. Gerade seien zwanzig Container weggegangen, sagt Henry Schwarz, allerdings per Bahn. Die Lieferung reist über den Fährhafen Mukran auf Rügen nach Klaipeda in Litauen und von dort aus nach Süden. Auf dem Landweg dauert die Reise zwei Monate. Jetzt hätten sie nochmal dreißig Container bestellt, sagt der Hauptmann. Es wird immer mehr, und noch ist in der Halle viel Platz. Die gestapelten Seesäcke und Kisten gehören jenen Soldaten, die bald nach Kundus verlegt werden. Eine Einheit aus Beelitz bei Potsdam ist dran. Eigentlich ist das Gewicht der persönlichen Sachen streng limitiert, manchmal aber drücken sie auch ein Auge zu. "Es ist schon schlimm genug dort", sagt Hauptmann Schwarz.

 

Und immer dann, wenn es besonders schlimm war, müssen sie in Waren an der Müritz eine Begräbnisausstattung versenden. So heißt das in der Inventarliste der Bundeswehr tatsächlich. Zur Begräbnisausstattung gehören ein Sarg, eine Zinkwanne, Einweghandschuhe, Desinfektionsmittel sowie der Stahlhelm und die Fahne für die Trauerzeremonie. Es ist genau vorgeschrieben, wie viele dieser Begräbnisausstattungen die Bundeswehr im Einsatz bereithalten muss. "Bei drei Gefallenen", sagt Hauptmann Schwarz, "stehen dann bald drei Särge hier." 

 

Während der Runde über das Gelände zeigt er auf zwei grasbewachsene Bunker hinter einer bröseligen Betonmauer. Dort werden Lastwagen aufbereitet, die aus Afghanistan zurückkommen, die meisten sind schrottreif. In den Achtzigerjahren seien in diesen Sheltern die Atomsprengköpfe der sowjetischen SS-20-Raketen aufgehoben gewesen, die in der Nähe stationiert waren, erzählt man sich. 

 

Schwarz hat noch zwei Jahre bis zur Pension. Vor einiger Zeit ist seine Frau gestorben, "da war es mit meiner Karriere vorbei". Er lebt jetzt wieder bei seinen Eltern im nahen Rechlin. Afghanistan hat er nie gesehen, bald wird es für ihn nur noch ein Wort aus den Nachrichten sein.

 

Oberleutnant Wille war einmal dort, bevor er als Zugführer nach Trollenhagen kam, über Weihnachten, "die volle Härte". Weihnachtsbäume würden auch geflogen, sagt er, zuletzt acht Tonnen.

 

Wenn Wille davon spricht, dass zweimal in der Woche ein Munitionsflugzeug nach Afghanistan abhebt, dann entschuldigt er sich fast dafür, dass neben Tannenbäumen, Fitnessgeräten und Flachbildfernsehern ab und zu auch Kriegsmaterial in den Krieg fliegt. "Die Soldaten müssen sich ja verteidigen", sagt er, "das bleibt ja nicht aus." Die Waffentransporte mit Sondergenehmigung fliegen nonstop von Trollenhagen nach Masar-i-Sharif. Sie landen nicht, wie sonst üblich, zwischendurch in Baku oder Tiflis.

 

  Die Maschine, die noch erwartet wird, kommt direkt aus Baku und wird auch dorthin zurückkehren, bevor sie am nächsten Morgen nach Afghanistan weiterfliegt. Der Umweg soll sich lohnen, da der Treibstoff in dem Ölhafen am Kaspischen Meer günstig zu bekommen ist. Die Flugzeuge werden dort betankt.

 

Im Tower Trollenhagen wartet Hauptmann Andreas Schrödel auf die Iljuschin der aserbaidschanischen Silkway-Airlines. Schrödel, Mitte vierzig, kurz geschoren und drahtig, ist gemeinsam mit einem Kollegen auch für den zivilen Teil des Flughafens zuständig. Nur hat die TUIfly ihre Flüge nach Neubrandenburg unlängst eingestellt. Was bleibt, ist etwas Individualverkehr und ab und an ein neuer Eurofighter aus Rostock-Laage, der hier Anflüge übt. Da ist die tägliche Iljuschin eine schöne Abwechslung.

 

Quelle: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0622/seite3/0001

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Published by Entrüster - in Afghanistan
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