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9. Mai 2012 3 09 /05 /Mai /2012 00:11

"Nie wieder werden wir uns paralysieren lassen ...  Wir müssen immer die Herren über unser Schicksal bleiben" - Worte des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu bei seinem Auftritt am 4. März vor der Lobby-Organisation Aipac (American Israel Public Affairs Committee) in Washington. Es hätten auch die Worte des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad sein können. Denn dass man sich letztendlich auf  niemanden verlassen kann, außer auf sich selbst, ist die historische Erfahrung beider Völker. Doch wer die Schatten der Vergangenheit nicht klar von den realen Gefahren der Gegenwart trennt, liefert sich dem Echo erfahrenen Leidens aus und zerstört die eigene Zukunft.

Israel ist im Mittleren Osten so isoliert wie zur Zeit der Staatsgründung 1948, nur ohne die frühere Zuversicht. Das Land ist umgeben von Feinden und einem fünf Meter hohen Stacheldraht, der jetzt auch im Süden, an der Grenze zu Ägypten, hochgezogen wird. Und es ist zunehmend abhängig von fernen Freunden.

Für Iran scheint sich die Erfahrung der Isolation derzeit zu wiederholen: auf allen Seiten umgeben von US-Militärbasen und ohne verlässliche Freunde. Syrien wankt, die Türkei distanziert sich, Irak muss sich noch finden und Venezuela ist weit weg.

Die Geschichte des Holocausts ist in der deutschen Bevölkerung präsent. In Schulen, Universitäten und Gedenkstätten und in den Künsten ist sie ein zentrales Thema. Und die besondere Verantwortung für Israel gehört zum politischen Common Sense aller deutschen Regierungen seit 1948, aber auch der großen Mehrheit der Bevölkerung.

Hingegen beschränkt sich das Wissen über Iran bei den meisten auf wenige Stichworte: Bombe, Ayatollahs und "der Verrückte da". Die Islamische Republik hat für Deutsche keine erkennbare Vorgeschichte und keine  nachvollziehbare Begründung. Mit dem, was man nicht kennt, ist eine Auseinandersetzung schwierig, umso leichter fällt die umfassende  Verurteilung. 

Auch Israelis und Iraner kennen die Geschichte ihres jeweiligen "Todfeindes" nicht. Mit Israel und Iran begegnen sich zwei Geschichten, zwei  unvergleichbare Erfahrungen mit ähnlich traumatischen Folgen, die seelisch weiterhin binden und verpflichten:

Auf der einen Seite die Erfahrung des mörderischen Antisemitismus innerhalb der westlichen Gesellschaften, insbesondere der deutschen, die  letztlich zur Gründung Israels führte. Auf der anderen Seite die Erfahrungen  mit dem westlichen Imperialismus, der die Ölvorkommen Irans zu einem so grotesk niedrigen Gegenwert abrechnete, dass von Enteignung gesprochen werden kann, und der die Iraner durch die Engländer, Russen und  Amerikaner auf ihrem eigenen Grund und Boden zu Menschen zweiter Klasse degradierte. Der CIA-Putsch gegen den einzigen demokratisch gewählten Premierminister  Mossadegh 1953 stellte dann die Weichen für die Islamische Revolution.

Traumatische Erfahrungen der jüngeren Geschichte binden beide Länder an die Vergangenheit

"Nie wieder wehrlos!" ist das Mantra der Israelis. "Nie wieder werden wir vor dem Westen indie Knie gehen!" ist das Mantra der Iraner. Auf dem  Terrain der Nie-Wieder-Haltungen kennt man nur Maximallösungen. Israel  reklamiert aufgrund seiner Geschichte das Recht auf strategische  Überlegenheit: eine schon per se nicht universalisierbare politische Maxime. Das Land ist die einzige Atommacht im Nahen Osten und will die einzige Atommacht bleiben.

Auch Iran destilliert aus seinen historischen Erfahrungen die eine unumstößliche Forderung: "Auf Augenhöhe" mit dem Westen, Im Gegensatz zur strategischen Überlegenheit ist das eine politisch universalisierbare Maxime. Konkret heißt das: keine Vetomacht für die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges im Sicherheitsrat. Keine doppelten Standards bei der Atomfrage. Keine Akzeptanz dafür, dass Israel eine Atombombe haben darf und Iran nicht. Als Parvenü unter den Staatsoberhäuptern schlug Präsident Ahmadinedschad bei der Uno so unbeirrbar wie erfolglos auf die Nachkriegsordnung ein.

Doch nicht nur die traumatischen Erfahrungen der jüngeren Geschichte binden Israel wie Iran fest an ihre jeweilige Vergangenheit. Auch die ständige Konfrontation von religiösem Absolutismus und modernem Relativismus innerhalb ihres jeweiligen Landes setzt die israelische wie die iranische Gesellschaft unter Spannung.

Im iranischen Gottesstaat reklamiert eine fundamentalistische theologische Nomenklatura ihre Autorität als von Gott gegeben. Daher gibt es für sie weder Zweifel noch zählt Kritik. Dies gilt auch für die militanten  Polizeiaktionen, mit denen sie versucht, die säkulare Moderne  zurückzudrängen. In Israel, das kein Gottesstaat ist und wo die säkular eingestellten Parteien die Bevölkerungsmehrheit repräsentieren, regieren die Religiös-Orthodoxen in Parteienkoalitionen seit langem mit. Dank einer Geburtenrate von 5,6 bei einem Landesdurchschnitt von 2,7 wächst ihre Zahl. Viele Israelis fürchten eine ultraorthodoxe Mehrheit.

Die wirkliche Spaltung verläuft in Iran wie in Israel zwischen weltoffener Liberalität und einer erstarrten Theologie, die auf die buchstabengetreue Einhaltung der Heiligen Schriften setzt. So ergeben sich nicht für möglich gehaltene Parallelen. Orthodoxe fordern in Israel, dass Frauen im Bus hinten, getrennt von den Männern, sitzen. In Iran ist das die Regel. Die Orthodoxie will den "verführerischen weiblichen Gesang" aus der Öffentlichkeit verbannen, in Iran ist das längst der Fall. Und wenn, wie vor kur-  zem in Beit Shemesh nicht weit von Jerusalem passiert, ein  achtjähriges Mädchen von orthodoxen Fundamentalisten bespuckt und geschlagen wird, weil es seine Arme nicht bedeckt hatte, erinnert das an die religiös begründete Kleiderordnung im islamischen Gottesstaat. Auch die Siedler berufen sich in ihrer Usurpation palästinensischen Grund und Bodens auf die Grenzen der alten Königreiche Israel und Judäa. Immer mehr Israelis halten die Spannung nicht mehr aus und kehren ihrem Land den Rücken.

Bei all den Verzerrungen gibt es nur einen Lichtblick: eine Facebook- Kampagne

In Iran wurden Steinigungen nach Verhandlungen mit der EU eine Zeitlang offiziell ausgesetzt, jedoch nie verboten. Denn die Gesetze der Scharia, so die herrschende Geistlichkeit, dürfen nicht verändert werden. So kommen Steinigungen weiterhin und in jüngster Zeit wieder häufiger vor. Die sture Weigerung, den Islam so zu reformieren, dass er in der Moderne gelebt werden kann, führt dazu, dass immer mehr Iraner die Religion insgesamt ablehnen. Die Zahl derer, die ihr Land verlassen möchten, steigt.

Die allgegenwärtige Präsenz der Religion verführt zu einem Reden in Gleichnissen und Verweisen. In Iran dient die ständige Nennung von Hussein, dem ermordeten Enkel des Propheten Mohammed, als Verweis  aufdie Ungerechtigkeit der Welt, insbesondere den Schiiten gegenüber. Und auf dem Aipac-Kongress überhöhte Ministerpräsident Netanjahu die Feindschaft zwischen Israel und Iran zu einer Erbfeindschaft zwischen Juden und Persern. Als Beweis gilt ihm das Buch Esther. Dort stünde, "wie vor rund 2500 Jahren ein persischer Antisemit versuchte, das jüdische Volk auszulöschen".

Dem Ministerpräsidenten unterlief dabei, beabsichtigt oder nicht, eine Verwechslung, denn der königliche Günstling Haman, der die Juden im persischen Großreich vernichten wollte, war kein Perser. Er war ein Agagiter, also einer vom Volk der Amelek (Esther 3.1). Das kanaanitische Volk der Amelek aber kämpfte seit dem Auszug der Kinder Israels aus  Ägypten und ihrem Eintreffen in Kanaan mit ihnen um Land.

Im jüdischen Sprachgebrauch ist Amelek mit der Zeit eine Bezeichnung des Bösen an sich geworden, In den Worten Jahves: "Ich will den Amelek unter dem Himmel austilgen, dass man seiner nicht mehr gedenke" (2. Moses 17,14). "Krieg hat Jahve mit Amelek von Generation zu Generation" (2. Moses 17, 16). Im Buch Samuel wie im 83. Psalm werden die Amelek als Volk erwähnt, das sich verschworen hatte, das Königreich Israel zu  vernichten. Solche Mythen können in Krisensituationen große Wirkung entfalten. Und es wird kein Lapsus sein, dass der Perserkönig Kyrosh der Große bei Netanjahu keine Erwähnung findet. Er hatte das Volk Israel aus der babylonischen Gefangenschaft befreit und ihm die Mittel gegeben, ihren Tempel in Jerusalem wiederaufzubauen,

Zumindest einen Lichtblick gibt es bei aller Starrheit des Denkens und Verzerrung der Wahrnehmung. Eine Facebook-Kampagne. Junge Israelis schrieben kürzlich an junge Iraner "Iranians. We love you." Und: "We will never bomb your country." Und junge Iraner schrieben das Nämliche zurück.

ELISABETH KIDERLEN 

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Anmerkung von Clemens Ronnefeldt:
Elisabeth Kiderlen ist freie Autorin und schreibt über islamische Länder. Zuletzt erschien von ihr ein Aufsatz über die "Geschichte der Menschenrechte in der Islamischen Republik Iran". In: Gunter Geiger (Hg.): "Die Hälfte der Gerechtigkeit?" (Verlag Barbara Budrich).

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