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6. Mai 2013 1 06 /05 /Mai /2013 09:55

Militaerseelsorge-abschaffen.devon: Rainer Schmid

Es gibt in Deutschland ungefähr 100 evangelische und 100 katholische Militärpfarrer. Auf evangelischer Seite gibt es auch ein paar Militärpfarrerinnen.

Militärpfarrer werden von ihrer Heimatkirche für circa 6 Jahre freigestellt. Sie werden vom Militärischen Abschirmdienst überprüft, sie werden Bundesbeamte auf Zeit, sie leisten einen Beamten-Eid, sie haben ihr Büro in der Kaserne, sie fahren Dienstwagen der Bundeswehr, sie werden direkt vom Bundesministerium für Verteidigung bezahlt, sie tragen im Auslandseinsatz und auf Kriegsschiffen militärische Kleidung, und sie haben eine Bundeswehr-Mail-Adresse. Jedes Militärpfarramt ist eine Dienststelle des Bundesministeriums für Verteidigung.

Dennoch behaupten Militärseelsorger, in ihrem Bekenntnis und in ihrer Verkündigung unabhängig zu sein. Dies stimmt mit der Praxis nicht überein. Militärpfarrer sind – siehe oben – vollständig in das Militär integriert. Das militärische Denken, die militärische Wortwahl und der militärische Habitus färben auf die Militärpfarrer ab. Es bewerben sich in der Regel auch nur solche Pfarrer auf die Militärpfarrstellen, die eine Affinität zu hierarchischen Strukturen haben.

Offiziell sind die Militärpfarrer exemt, das ist lateinisch und heißt enthoben. Es bedeutet: Militärpfarrer haben keinen militärischen Dienstgrad. Aber in der Praxis wird ein Militärpfarrer von den Soldaten entsprechend seiner Bezahlung (A14/15) wie ein Oberstleutnant angesehen und angesprochen.

Jeder Militärpfarrer untersteht einem Militärdekan. Die Militärdekane wiederum unterstehen den Militärbischöfen. Es gibt in Deutschland vier katholische und fünf evangelische Militärdekanate und zwei Militärbischöfe: einen evangelischen und einen katholischen.

Die beiden Militärbischöfe verfügen jeweils über eine kleine Behörde. Auf katholischer Seite ist dies das „Katholische Militärbischofsamt“ (KMBA), auf evangelischer Seite das „Evangelische Kirchenamt für die Bundeswehr“ (EKA). In diesen Behörden sind Militär und Kirche ununterscheidbar miteinander verbunden. Das „Evangelische Kirchenamt für die Bundeswehr“ ist, anders als der Name suggeriert, keine kirchliche Behörde, sondern eine Behörde des Bundesministeriums für Verteidigung. Aufgaben des KMBA und des EKA sind Pressearbeit, Fortbildungen, Personal, Fuhrpark, Organisation des „Lebenskundlichen Unterrichts“, Kontakte zu kirchlichen und militärischen Gremien.

Die Militärseelsorge in Deutschland kostet mindestens 30 Millionen Euro, wenn man nur die 200 Pfarrhelfer, die  Bürokosten und die Dienstfahrten dazu rechnet. Wenn man aber weitere Nebenkosten, zum Beispiel das EKA und das KMBA dazurechnet, kommt man leicht auf 50 Millionen Euro im Jahr.

In einer repräsentativen Umfrage* der Bundeswehr aus dem Jahre 2002 wurden Soldaten, die aus einem Auslandseinsatz nach Hause kamen, befragt: „Mit wem sprechen Sie über Ihre persönlichen Ängste und Gefühle?“ Die Auswertung der Antworten ergab: 55 % der Soldaten sprechen darüber mit Kameraden, 46 % mit der Partnerin beziehungsweise dem Partner, 7% mit dem Vorgesetzten, 9% mit Eltern oder Bekannten, 23% reden mit niemanden darüber, und nur 1% spricht mit dem Militärpsychologen, 1% mit dem Arzt, und 1% mit dem Militärpfarrer. Mehrfachnennungen waren erlaubt.

Andererseits finden es über 80 % der Soldaten gut, wenn bei einem Auslandseisatz ein Militärpfarrer dabei ist.

Das heißt: Die Soldaten benötigen den Militärpfarrer zwar nur selten für ein Gespräch, aber sie wollen generell, dass ein Pfarrer dabei ist: Wenn ein Pfarrer dabei ist, kann das, was wir hier im Ausland tun, nicht so schlimm sein.

Bei Trauerfeiern für gefallene Soldaten geben die Militärpfarrer diesem Tod einen Sinn: Diese Soldaten seien für die Freiheit der afghanischen Frauen gefallen, und man müsse den Auftrag dieser Soldaten nun weiter führen. Die Militärpfarrer haben die wichtige Aufgabe, in diesen Grenzsituationen Worte zu finden, zu trösten und eine Trauerfeier abzuhalten.

Außerdem richtet der Militärpfarrer einzelne Soldaten, die „belastende Situationen“ erlebt haben, in der Seelsorge wieder auf. Er macht die Soldaten wieder fit, damit sie weiter kämpfen können.

Darüber hinaus soll ein Militärpfarrer die zu Hause geblieben Angehörigen begleiten und trösten. Dies alles dient dazu, die Härten des Krieges abzufedern.

Militärpfarrer rechtfertigen sich gerne mit zwei Argumenten. Erstens: „Wir tun nur das, was auch die Gefängnispfarrer tun. Wir kümmern uns um die Sünder.“ Aber dieses Argument trifft nicht zu. Denn es gibt einen grundsätzlichen Unterschied. Gefängnispfarrer begleiten ihre Klienten nicht auf gewalttätigen Gruppenreisen, aber Militärpfarrer tun genau dies.

Zweitens sprechen Militärpfarrer gerne von einem Dilemma: Ob man in einen Bürgerkrieg eingreift oder nicht, man wird so oder so schuldig. Wir leben nun ´mal in der gefallenen Welt. Seit dem Sündenfall gibt es die Gewalt.

Aber hat Jesus das Dilemma gepredigt? Oder hat er die Nachfolge gepredigt? Jesus hat in einer gewalttätigen Welt gelebt, und dennoch hat er Gewaltfreiheit gelebt. Christen sollen / dürfen in seinem Geist leben. Christen sollen im Geist der neuen Weltordnung Gottes (des Reiches Gottes) leben. „Selig sind die Sanftmütigen“ und „selig sind, die Frieden stiften.“ Er hat gewaltfreie, wirksame Formen des Widerstandes gelehrt. Seinen Schülern hat er gesagt: „Haltet alles, was ich euch befohlen habe.“ Dazu gehört auch die Gewaltfreiheit.

Den großen Kirchen fällt es schwer, sich vom Militär abzugrenzen. Das hat geschichtliche Gründe. Konstantin der Große (4. Jh.) hat das Christentum zur Staatsreligion gemacht. Seit damals begleiten Militärpfarrer die Kriegszüge der „christlichen Obrigkeit“. Als Lohn dafür bekam die Kirche viel Macht und Geld.

Auch Martin Luther hat die Zusammenarbeit von Militär und Kirche ungebrochen weitergeführt. Im Grundbekenntnis der lutherischen Kirche steht: Es ist gut, dass „Christen ohne Sünde … rechtmäßig Kriege führen … können.“ (Augsburger Bekenntnis, 1530, Artikel 16)

Es gab in der Kirche aber immer Gegenbewegungen. Es gab Franz von Assisi, der die Gewaltfreiheit gelehrt hat. Und in der Reformationszeit gab es die Wiedertäufer, zum Beispiel Michael Sattler. Er hat den Militärdienst abgelehnt und wurde hingerichtet. Andere Wiedertäufer mussten auswandern.

Nachfahren der Wiedertäufer sind die Mennoniten und die Quäker. Von diesen kleinen Friedenskirchen können die großen Kirchen heute etwas lernen. Die großen Kirchen wären außerdem glaubwürdiger, wenn sie die „Konstantinische Gefangenschaft“ überwinden und sich vom Militär abgrenzen würden.

Nichts spricht dagegen, dass ein Soldat einen Gottesdienst besucht. Soldaten sind herzlich eingeladen, beim Abendmahl mit andern Christ/innen zusammen im Kreis zu stehen und mit anderen Christen zusammen das Abendmahl zu feiern. Jesus ist auf den Oberzöllner Zachäus zugegangen. Jesus hat zwischen der Person und ihren Taten unterschieden. In der DDR waren die Pfarrämter und Kirchengemeinden auf diese Weise immer offen für Soldaten. In Kaiserslautern gibt es seit 2012 ein kirchliches Kontakt- und Beratungscafé für amerikanische Soldaten.

Nach dem Fall der Mauer gab es die Chance, das Modell der östlichen Landeskirchen zu übernehmen. Diese Chance wurde vertan. Gegen alle Kritik aus östlichen Landeskirchen wurde auch dort das westliche Modell eingeführt.

Im Jahre 2012 hat sich auf der Herbsttagung des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins in Halle/Saale  die „Ökumenische Initiative zur Abschaffung der Militärseelsorge“ gegründet. Sie wird von über 80 Personen und einigen Organisationen unterstützt. Einer der Unterstützer ist Professor Dr. Jürgen Moltmann.

Es wurde ein Thesenpapier erarbeitet, eine Website erstellt und ein Spendenkonto eingerichtet. Durchgeführt wurden Mahnwachen in Hannover und Köln. Auch auf dem Kirchentag in Hamburg, genauer gesagt auf dem Markt der Möglichkeiten (2.-4. Mai 2013), wird die Initiative präsent sein. 

Rainer Schmid, Friedrichshafen
Website: www.militaerseelsorge-abschaffen.de

Anmerkung:
* Martin Bock, Religion “Religion als Lebensbewältigungsstrategie von Soldaten – Die Einstellung von Soldaten zu Glaube, Werten und Seelsorge und ihre Veränderung im Bosnieneinsatz der Bundeswehr” (Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr, Strausberg 2002). ISSN 0342-2569.
Literatur:
Sylvie Thonak „Evangelische Militärseelsorge und Friedensethik – eine Problemanzeige“, Zeitschrift Evangelische Theologie (EvTh), 72. Jahrgang, Heft 3/2012, Juni 2012, Rubrik „Zur Situation“, Seite 221 – 238. ISSN: 0014-3502.

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