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AKW-Laufzeitverlängerung: Bundesregierung treibt Gesellschaft in neuen Fundamentalkonflikt

Weiterer  dynamischer Ausbau Erneuerbarer Energien und Laufzeitverlängerung für  Atomkraftwerke schließen einander aus - Berechnungen des Fraunhofer-Instituts  für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) auf Basis des soeben von der Bundesregierung verabschiedeten Nationalen Aktionsplans für erneuerbare Energien  zeigen: Schon in wenigen Jahren decken regenerative Energien immer häufiger den  gesamten nationalen Strombedarf - In diesem Sommer mittägliche Stromeinspeisung  aus Photovoltaik von annähernd 10.000 Megawatt

Angesichts des  wochenlangen Hochsommerwetters in Deutschland und der damit verbundenen enorm  hohen Einspeisung von Solarstrom in den Mittagsstunden hat die Deutsche  Umwelthilfe e. V. (DUH) auf unauflösbare Widersprüche in der Energiestrategie  der schwarz-gelben Bundesregierung hingewiesen. ´Wer einerseits den Eintritt in  das regenerative Zeitalter propagiert und andererseits auf verlängerte Laufzeiten für Atomkraftwerke setzt, treibt diese Gesellschaft in einen neuen  Fundamentalkonflikt´, erklärte DUH-Bundesgeschäftsführer Rainer Baake.  Behauptungen der Atomkraftwerksbetreiber und von Teilen des Regierungslagers,  wonach sich Atomenergie und Erneuerbare Energien bestens ergänzen, seien nichts  als eine interessengeleitete Irreführung der Öffentlichkeit: ´In Wirklichkeit  geht es bei der künftigen Stromversorgung nicht um ein Sowohl-als-auch, sondern  deutlich früher als die meisten Experten angenommen haben, um ein glasklares Entweder-Oder´, so Baake. ´Wer heute AKW-Laufzeiten verlängert, wird morgen den  Vorrang der Erneuerbaren in Frage stellen, weil das Stromsystem sonst nicht mehr  funktioniert.´

Die Analyse der DUH basiert auf aktuellen Prognosen, die  in dem am Mittwoch im Bundeskabinett verabschiedeten ´Nationalen Aktionsplan für erneuerbare Energien´ der schwarz-gelben Bundesregierung enthalten sind. Mit dem  Aktionsplan kommt die Regierung einer Aufforderung der EU-Kommission an die  Mitgliedstaaten nach, die Ausbauperspektiven und -ziele der Erneuerbaren  Energien bis 2020 in ihren jeweiligen Ländern darzustellen. Eine der  Kernaussagen für Deutschland lautet: 2020 werden fast 40% des Strombedarfs durch  Erneuerbare Energien gedeckt. Die größten Zuwächse sind im Wind- und  Solarstromsektor zu erwarten. Eine jahresdurchschnittliche Einspeisung von 40%  bedeutet aber auch, dass die Strombereitstellung, je nach Tageszeit und  Wetterlage erheblichen Schwankungen unterliegt.

Das Fraunhofer-Institut  für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) in Kassel hat auf Basis der  aktuellen Ausbauprognosen der Bundesregierung und der Wetterdaten des Jahres  2009 die voraussichtliche Einspeisung Erneuerbarer Energien in das Stromnetz im Jahr 2020 ermittelt. Ergebnis der Projektion: In zehn Jahren werden die  Erneuerbaren Energien den nationalen Strombedarf immer häufiger stundenweise  komplett abdecken können. (siehe Hintergrundpapier unter:

<http://www.duh/pressemitteilung.html?+tx_ttnews[tt_news]=2357>

Nach  dem geltenden Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hat der regenerativ erzeugte  Strom Vorfahrt in den Netzen, er würde also Atom- und Kohlestrom massiv  verdrängen. Jedoch können Atom- und Braunkohlekraftwerke aus technischen Gründen  nicht stundenweise erst ab- und dann wieder angefahren werden. Der Druck auf die  Politik, den Vorrang der Erneuerbaren zu beschneiden, würde umso stärker, je  mehr Atom- und Braunkohlekraftwerke dann noch am Netz wären. Das Ergebnis des  Konflikts sei vorhersehbar: ´Das Nachsehen hätten die Betreiber von Wind- und  Solaranlagen und mittelfristig der Klimaschutz´, so Baake.

´Die  Berechnungen auf Basis der Prognosen der Bundesregierung zeigen, dass der  klassische Grundlastbereich für konventionelle Kraftwerke schneller  zurückgefahren werden muss, als bisher angenommen, um zu einem realistischen und  konsistenten Fahrplan in das regenerative Zeitalter zu kommen´, sagte Dr.  Carsten Pape aus der Abteilung Energiewirtschaft und Netzbetrieb am  Fraunhofer-IWES. In Zukunft seien zur sicheren Deckung der so genannten  Residuallast vor allem flexible Gaskraftwerke notwendig, die schnell an- und  abgefahren werden können, um die Schwankungen der Erneuerbaren-Einspeisung  auszugleichen. In einem sehr sonnenreichen Sommer wie dem des Jahres 2010  verschärfe sich das Problem zusätzlich. Im vergangenen Juli seien um die  Mittagszeit vermutlich schon um die 10.000 MW Solarstrom ins deutsche Stromnetz eingespeist worden. Bei vergleichbarer Wetterlage im Jahr 2020 könnte sich die  Einspeisung nach den aktuellen Prognosen der Bundesregierung fast vervierfachen.  Hinzu kämen dann erhebliche Erneuerbare-Energien-Beiträge aus Wasserkraft,  Bioenergie und je nach Wetterlage aus Wind.

Baake erläuterte, dass unter  dieser Perspektive der beschleunigte Abbau unflexibler Atomkraftwerkskapazitäten  und der Verzicht auf neue Kohlekraftwerke das Gebot der Stunde für alle seien,  die die Energiewende in das regenerative Zeitalter ernsthaft vorantreiben wollen. ´Mit ihrer Absicht, ausgerechnet die nur in engen Grenzen regelbaren  Atomkraftwerke länger zu betreiben, setzt die Bundesregierung die Bevölkerung  nicht nur einem wachsenden Sicherheitsrisiko aus. Sie verschärft auch mutwillig  die Herausforderungen, vor denen wir zweifellos stehen und fährt die Energiewende vor die Wand. Das genau ist, was die Atomkonzerne sich insgeheim  wünschen´. Baake erinnerte daran, dass zusätzlich zu den fossil betriebenen  Altanlagen seit 1990 Braun- und Steinkohlekraftwerke mit einer Leistung von etwa  27.000 Megawatt grundlegend modernisiert und neu gebaut wurden oder sich noch im  Bau befinden. Sie alle seien 2020 noch am Netz.

Baake und Pape forderten,  neben der Flexibilisierung des konventionellen Kraftwerkparks die Anstrengungen  auf den Um- und Ausbau der Stromnetze, auf neue Formen der Nachfragesteuerung  (´Smart Grid´), den Ausbau vorhandener und die Entwicklung neuartiger Stromspeicherkapazitäten zu konzentrieren. Nur wenn alle vier ´Baustellen´  gleichzeitig angegangen würden, könne der Übergang in das regenerative Zeitalter  gelingen. Baake: ´Statt die Schlachten von vorgestern noch einmal zu schlagen,  sollte sich die Bundesregierung an die Bewältigung der wirklichen  Zukunftsaufgaben machen.´

Ohne eine beschleunigte Energiewende könnten  die national und international vereinbarten langfristigen Klimaziele nicht  erreicht werden. Deutschland würde zudem im Wettbewerb um eine Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts seinen bereits erreichten Vorsprung  leichtfertig verspielen.

In einer Stellungnahme zu einem Entwurf des von  der Bundesregierung am Mittwoch verabschiedeten ´Nationalen Aktionsplans´ hatte  die DUH die prognostizierten Ausbauzahlen für Erneuerbare Energien als  realistisch eingeschätzt. Sie könnten nach Einschätzung der Umweltorganisation jedoch auch deutlich höher ausfallen, wenn die Bundesregierung - etwa im Rahmen  ihres angekündigten Energiekonzepts - zusätzliche Maßnahmen ergreifen würde, die  über Beschlüsse ihrer Vorgängerregierungen hinausgingen. Entsprechende  Vorschläge der DUH sind neben der Stellungnahme zum Nationalen Aktionsplan  einsehbar unter:

<http://www.duh.de/pressemitteilung.html?+tx_ttnews[tt_news]=2357>

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