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Ich weise auf ein Buch hin, das TV-glotzer gelesen haben sollten.
Aus dem Vorwort: Fünfzehn Minuten Staatsfunk
(…)
Sie halten sich für klug, die Damen und Herren aus Hamburg Lokstedt, dort wo der Norddeutsche Rundfunk, der NDR, die Tagesschau für das Erste, das TV-Nachrichten-Progamm der ARD, sampelt. Für klug wie weise, kundig, vernünftig, ganz sicher auch berufen halten sich die Journalisten, manche wohl sogar für begnadet.
Und doch sind sie nichts weiter als schlau: So bauernschlau, um den Ansprüchen der Herrschaft so zu genügen, dass ihre Einseitigkeit nicht sofort auffällt. Schlau wie gewieft, um nicht anzuecken und doch auch schon mal eckig auszusehen. Schlau wie ausgefuchst genug, um eine blendende Objektivität zu präsentieren, die eben primär zum Blenden taugt und ansonsten nicht viel.
Vor geraumer Zeit konnten zwei ehemalige NDR-Mitarbeiter, Volker Bräutigam und Friedhelm Klinkhammer, die wachsende Schläue der Tagesschau-Redaktion nicht mehr ertragen.
Erst begann Bräutigam mit einer Programmbeschwerde: Ziemlich zu Beginn des Ukrainekrieges, im Frühjahr 2014, hatte die Tagesschau tagelang von der Gefangennahme angeblicher »OSZE-Militärbeobachter« berichtet, die aber in Wahrheit – und für seriöse Journalisten auch schnell überprüfbar – eben nicht offiziell von der OSZE in das Krisengebiet gesandt waren.
Wer sie mit welchem Auftrag in den beginnenden Krieg geschickt hatte, ein Krieg der mehrmals am Rande eines allgemeinen Ost-West-Krieges entlang schrammte, ist bis heute nicht bekannt. Volker Bräutigam nutzte eine Programmbeschwerde – »ein Rechtsbehelf der Bürger gegen die Verletzung von gesetzlich festge- legten Programmgrundsätzen des Fernsehens« (vgl. wikipedia.org: »Programmbeschwerde«) –, um die Tagesschau in einer internationalen Krisensituation auf eine gefährliche Falschberichterstattung, eine klassische Desinformation hinzuweisen.
So wie der beginnende Ukraine-Krieg der Beginn auch der Programmbeschwerden war, so war er auch eine Vertiefung der Vertrauenskrise zwischen Medien und Konsumenten.
Diese kritische Distanz wuchs – auch und gerade zwischen der Tagesschau und ihre Rezipienten – mit der Intensivierung des Syrien-Krieges. Deshalb liegt darauf der Schwerpunkt der Programmbeschwerden in der Berichterstattung von ARD-aktuell.
Weitere Themen – von der Rentendebatte über den Clinton-Wahlkampf bis zu den Panama-Papers – weisen die Breite und Tiefe der Nachrichtenmanipulation in der Tagesschau nach.
Die öffentliche Resonanz auf Bräutigams Beschwerde erreichte immerhin die Zeit, die von anonymen »Fernsehzuschauer(n)« schrieb, die Beschwerden wegen »verzerrter Berichterstattung« beim NDR- Rundfunkrat eingereicht hätten.
Der Rundfunkrat ist eigentlich ein Gremium, das den Staatsvertragsgrundsatz sichern soll: »den Rundfunkteilnehmern und Rundfunkteilnehmerinnen einen objektiven und umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und länderbezogene Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben«. Doch der Rat gab und gibt auf Beschwerden lieber vorgestanzte Antworten von entschiedener Belanglosigkeit ab.
(Der Staatsvertrag für Rundfunk und Telemedien (kurz: Rundfunkstaatsvertrag oder RStV) ist im Recht der Bundesrepublik Deutschland ein Staatsvertrag zwischen allen 16 deutschen Bundesländern, der bundeseinheitliche Regelungen für das Rundfunkrecht schafft. (wikipedia.org: »Rundfunkstaatsvertrag«)
Nur wenig später sandte Friedhelm Klinkhammer demselben Rundfunkrat eine Beschwerde, mit der er die Wortwahl der ARD zugunsten des Regimes in Kiew kritisierte: Denn dort wurden Personen, die zeitgleich vom Handelsblatt aus gutem Grund als »Neonazis« klassifiziert wurden, als »regierungstreue Kämpfer« bezeichnet.
Eine Wortwahl, die an offener Parteinahme in einem Bürgerkrieg kaum zu überbieten war: Schon das neutrale Wort »Kämpfer« war ein falsches Etikett, auch die Qualifizierung des Kiewer Putsch-Regimes als Regierung war Meinung und nicht Nachricht, und das Adjektiv »treu« gab der Information jenen einseitigen westlichen Drive, den die Tagesschau im Fortgang des Ukraine-Krieges noch verschärfen und in diesem wie auch in anderen internationalen Konflikten beibehalten sollte.
Bräutigam und Klinkhammer haben dann im Dezember 2014 eine erste gemeinsame »Beschwerde wegen Verstoßes gegen §§ 5, 7 und 8 NDR-Staatsvertrag« erhoben, wegen offenkundiger »Nachrichtenunterdrückung«.
Es ging um den Prominenten-Appell »Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!«.
Dieser Appell – bestückt mit Erstunterzeichnern erster Nachrichtenqualität, zu denen ein ehemaliger Bundespräsident, ehemalige Bundestags-VizepräsidentInnen, ein Ex-Bundeskanzler, Minister, Staatssekretäre, Abgeordnete und viele über die Grenzen unseres Landes hinaus bekannte Kulturschaffende, Wissenschaftler und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens gehörten – schaffte es einfach nicht in die Tagesschau. Übrigens auch nicht in andere wichtige Medien wie ZDF, BILD, FAZ etc.
Inzwischen sind von Klinkhammer und Bräutigam gemeinsam mehr als 200 Programmbeschwerden verfasst worden, die über das Internet in die Öffentlichkeit gelangt sind. Zumeist wurden sie von der Website www.rationalgalerie.de publiziert. Sie sind zum Anlass für dieses Buch geworden.
Fast vollständig archiviert finden sich die Beschwerden – mit den Stellungnahmen der Sender – auf der Webseite der Ständigen Publikumskonferenz. (https://publikumskonferenz.de/forum) Sie sind per Suchmaschine mit »Ständige Publikumskonferenz« und einem Stichwort aus dem Beschwerde-Betreff leicht aufrufbar.
Die ARD-Nachrichten sind der Taktgeber für die meisten Medien der Bundesrepublik Deutschland. Wer sich kritisch mit ihnen auseinandersetzt, der kritisiert den Kern des deutschen Journalismus. Auf den folgenden Seiten wird dargelegt, dass die Tagesschau-Maschine weder verlässlich noch neutral und keinesfalls seriös ist. Sie ist nur wenig Anderes als eben fünfzehn Minuten Staatsfunk.
Gellermann, Uli; Klinkhammer, Friedhelm; Bräutigam, Volker:
Die Macht um acht
Der Faktor Tagesschau
Neue Kleine Bibliothek 241, 173 Seiten (13,90 Euro)
ISBN 978-3-89438-633-7
> http://shop.papyrossa.de/Gellermann-Uli-Klinkhammer-Friedhelm-Braeutigam-Volker-Die-Macht-um-acht
Uli Gellermann, *1945, Journalist und Filmemacher. Hat als Creative Director gearbeitet. Verantwortet die Website rationalgalerie.de.
Friedhelm Klinkhammer, *1944, Jurastudium in Hamburg. Dreieinhalb Jahrzehnte angestellt beim NDR. Langjähriger IG Medien / ver.di-Vorsitzender und Gesamtpersonalratsvorsitzender im NDR.
Volker Bräutigam, *1941, Journalist. 14 Jahre bei Tageszeitungen, danach beim NDR in Hamburg, dort u. a. zehn Jahre Redakteur bei der Tagesschau und weitere zehn Jahre in der Kulturredaktion von N3. Seit 2001 freier Autor.