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Falls sich Deutschland 2011 zurückzieht, stünde unterm Strich eine Summe zwischen 18 und 33 Milliarden Euro. Doch das gestern verabschiedete Mandat beinhaltet keinen sofortigen Abzug. Jedes Jahr, das die Bundeswehr länger im Kriegseinsatz bleibt, kostet den deutschen Steuerzahler 2,5 bis 3 Milliarden Euro. Das ist einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zu entnehmen, in der verschiedene politische und militärische Szenarien durchgerechnet werden. Offiziell weißt die Bundesregierung jedoch für das Jahr 2010 nur 1,059 Milliarden Euro Kriegskosten aus.
Die Differenz zum Tatsächlichen beginnt schon beim Sold der bislang fast 90 000 Soldaten und den Gehältern der rund 1300 Polizisten, die Bund und Länder an den Hindukusch schickten und schicken. Medizinische Behandlung der »bewaffneten Botschafter«, Entschädigungen und Witwenrenten, Anschaffung und Wertminderung von Material, zusätzliche Sicherheitskosten ob wachsender Terrorgefahren, Entwicklungs- und andere Hilfe für Nachbarländer wie Pakistan und Usbekistan sowie die Zinsen hinzugerechnet... Folgt man dem DIW-Szenario, das einen Rückzug ab 2014 zur Grundlage hat, kämen rund 26 bis 47 Milliarden Euro zusammen.
Unstrittig ist inzwischen, dass es politische Verhandlungen mit den Taliban und anderen Aufständischen geben muss. Auch eine Machtteilung wird vom Westen für unabdingbar gehalten. Doch dazu wollen die USA militärisch eine starke Ausgangsbasis schaffen. Im vergangenen Vierteljahr wurden laut US-Angaben 365 Kommandeure der Aufständischen und 1300 ihrer Kämpfer getötet. Die Anzahl der Gefangenen soll in derselben Größenordnung liegen.
Zu den militärischen Erfolgen der Besatzer tragen weniger große Offensiven bei. Vor allem in Helmand und Kandahar hat sich gezeigt, dass Siege nicht von Bestand sind, wenn es nicht gelingt, nach den Militäroperationen eine geachtete staatliche Verwaltung aufzubauen. Dazu gehören vor allem eine vertrauenswürdige Polizei sowie eine gesetzestreue Justiz. Es ist offensichtlich eine Tatsache, dass sich die Masse der Bevölkerung unter der – zwar drakonischen, doch verlässlichen – Ordnung der Taliban sicherer fühlt.
Die USA setzen in ihrer Sicherheitsstrategie vor allem auf sogenannte »Night Raids«. Dazu wurde die Kapazität der US Special Forces im vergangenen Jahr nahezu verdreifacht. Auch die deutsche KSK-Elite ist mit von der »Partie«. Während Unterhändler der westlichen Staaten und der Kabuler Regierung tags auf Suche sind nach Gesprächspartnern, mit denen sich über Schritte zur Versöhnung reden lässt, überfallen nachts Spezialeinheiten erkannte Führern der Aufständischen. So soll es weitergehen, man trainiert bei den Einsätzen afghanische Elitekämpfer. Kabuls Armee verfügt bereits über sieben derartige Spezialeinheiten.
80 Prozent der Kommandoeinsätze verlaufen ohne Schießerei, sagt der deutsche Brigadegeneral Josef Blotz, der selbst solche nächtlichen Attacken absegnet. Allein in den letzten drei Monaten 2010 hat die ISAF bei solchen Operationen 2500 »böse Jungs« festgenommen oder getötet. Der General weiß allerdings auch, dass viele Einsätze neben dem ISAF-Kommando geplant und durchgeführt werden.
Kommandoeinsätze, so sagt sogar Afghanistans Präsident Hamid Karsai, seien politisch kontraproduktiv. »Night Raids« in seinem Land verbreiteten nur Angst und Schrecken vor allem unter der ländlichen Bevölkerung, sie verhinderten den Aufbau von Vertrauen, sagt der Präsident und stellt die heranziehende grundsätzliche Schicksalsfrage: Afghanistan als Republik oder islamisches Kalifat?
Doch mit wem soll man verhandeln, wenn nächtliche Killer die Anzahl der Autoritäten auf der anderen Seite reduzieren? Gerade sie muss man als Partner beim Aufbau eines neuen Afghanistan mit einem Mindestmaß an demokratischen Rechten gewinnen.
US-Militärs und Geheimdienstler verweisen darauf, dass man in Afghanistan die »Überlebensdauer« von Taliban-Führern auf zwei bis drei Monate gekürzt habe. Ein Nebeneffekt: Das Alter der Kommandeure sank auf unter 30 Jahre. Die Aktionen der so geführten Einheiten lassen immer häufiger jegliche Besonnenheit vermissen, immer öfter wird der Tod unbeteiligter Zivilisten in Kauf genommen.
Das alles steht so nicht in den Papieren, die man den Bundestagsabgeordneten zum Teil sogar als Verschlusssache aushändigt. Nicht einmal die ausweglose Situation, in der sich die Bundeswehr befindet, wird erklärt. Nur dank des massiven Einsatzes von US-Truppen im Bereich des Regionalkommandos Nord konnte die Bundeswehr ihre Positionen um Kundus halten. Inzwischen gilt schon die Sicherung einer Kreuzung an zwei Nachschubstraßen als militärischer Erfolg. Und der wird verdammt teuer erkauft.
Quelle: <http://www.neues-deutschland.de/artikel/189682.am-tag-versoehnung-nachts-night-raids.html>
alternativ: <http://www.welt.de/politik/deutschland/article7793359/Afghanistan-Einsatz-kostet-bis-zu-47-Milliarden-Euro.html>
siehe auch: http://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,695419,00.html
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