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EU verzweifelt an Finanzindustrie

Parlamentarier fordern Gegenstimmen zur Bankenlobby

· EZB-Chef sorgt sich um Demokratie

 

VON Reinhard Hönighaus, Brüssel
Mit einem außergewöhnlichen Hilferuf
setzt sich das Europaparlament gegen
die Übermacht der Finanzlobby zur
Wehr. "Das Ungleichgewicht zwischen
der Macht dieser Lobby und mangeln-
den Gegenexpertisen erscheint uns als
Gefahr für die Demokratie", schreiben
die für die Regulierung des Finanzsek-
tors verantwortlichen Abgeordneten in
einem fraktionsübergreifenden Aufruf,
den sie heute EU-weit verbreiten wol-
len.


In dem der FTD vorliegenden Papier
fordern sie die Bürger auf, schlagkräf-
tige Nichtregierungsorganisationen für
die Reform der Finanzmärkte zu grün-
den. "Uns fehlen Stimmen, wie wir sie
mit Greenpeace in der Umwelt- oder
Misereor in der Entwicklungspolitik
haben", sagte der Grünen-Europaabge-
ordnete Sven Giegold. Für die Finanz-
märkte habe bisher keine Gewerkschaft
oder Denkfabrik eine Expertise ent-
wickelt, die derjenigen der Geldbranche
standhalte, beklagten auch Burkhard
Balz (CDU) und Udo Bullmann (SPD).


Der Aufruf ist der bislang drastischste
Ausdruck des wachsenden Ohnmachts-
gefühls in den europäischen Institutio-
nen bei der Aufarbeitung der Finanz-
krise. Auch der Präsident der Europäi-
schen Zentralbank, Jean-Claude Trichet,
© 2010 PMG Presse-Monitor GmbH
machte seinem Frust am Wochenende
Luft: Völlig unverständlich sei ihm,
dass Banker glaubten, wieder so weiter-
machen zu können wie vor der Pleite
von Lehman Brothers. "Die wären alle
weg, wenn wir sie nicht gerettet hätten,
das hatten wir vor Augen", sagte Tri-
chet der "Welt am Sonntag". Die exzes-
siven Vergütungen und Bonuspakete
sowie die rein kurzfristig erzielten
Gewinne ohne Bezug zur Realwirt-
schaft seien ein unhaltbarer Zustand:
"Das ist mit unseren bestehenden demo-
kratischen Grundwerten nicht
vereinbar."


Wenige Tage vor dem G20-Gipfel in
Toronto ist unter den wichtigsten Indu-
strie- und Schwellenländern ein Kon-
sens über Bankenabgaben, Kapitalre-
geln und Finanzmarktsteuern weiter ent-
fernt denn je. Das EU-Parlament und
Binnenmarktkommissar Michel Barnier
sind zwar entschlossen, die G20-
Reformpläne in der Europäischen Union
umzusetzen - hatten zuletzt aber auch
Rückzieher gemacht. So verschoben sie
die verschärften Kapitalregeln für das
Handelsbuch der Banken, weil die USA
nicht mitziehen.


Die zögerliche Haltung der Politiker
erklärt der SPD-Abgeordnete Bullmann
auch mit der Deutungshoheit der
Finanzlobby. Banken würden die Poli-
tik mit Horrorszenarien über die Folgen
schärferer Regeln einschüchtern: "Es
gibt keine neutrale Instanz, die die Zah-
len der Banken überprüfen kann. Aber
es ist eine Menge Geld fürs Lobbying
da, um jeden dummzuschwätzen."


Anders als die Landtage oder der Bun-
destag verfügt das Europaparlament
über keinen eigenen wissenschaftlichen
Dienst, der die Abgeordneten unter-
stützt. "Da sehe ich ein Defizit", sagte
der CDU-Politiker Balz. "Aber die
Hedge-Fonds- und Private-Equity-
Manager sind geballt nach Brüssel
gefahren, um mit Abgeordneten zu spre-
chen. Das war die reinste Überflutung
an Terminwünschen", sagte Balz. Man-
che Lobbyisten wollten ihn sogar am
Wochenende zu Hause besuchen.


Der Grünen-Politiker Giegold beklagte
das Übergewicht der Finanzbranche in
den Expertengruppen der EU-Kommis-
sion, in denen sich die Brüsseler
Behörde für ihre Gesetzesinitiativen
beraten lässt. "Niemand weiß, was dort
besprochen wird, es werden keine Proto-
kolle öffentlich", sagte Giegold. Es
müsse ein verbindliches Lobbyregister
geben.

 

Quelle: Financial Times Deutschland vom 21.06.2010

http://www.ftd.de/politik/europa/:dominante-finanzindustrie-eu-sorgt-sich-um-demokratie/50131276.html

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Bankenlobby Die Ohnmächtigen im Europaparlament
Auf die Finger schauen. Europaparlamentarier regen die Gründung einer Art „Greenpeace“ für den Finanzmarkt an. - Foto: picture alliance / dpa

Es ist ein ungewöhnlicher Hilferuf, der dieser Tage von 22 Abgeordneten des Wirtschafts- und Währungsausschusses im Europaparlament gekommen ist. Aufruf zur Gegenlobby: Europaparlamentarier bitten die Zivilgesellschaft um Hilfe gegen die Finanzbranche.

Berlin - Es ist ein ungewöhnlicher Hilferuf, der dieser Tage von 22 Abgeordneten des Wirtschafts- und Währungsausschusses im Europarlament gekommen ist. Angesichts der großen Finanzlobby in Brüssel wissen Europapolitiker aus neun Mitgliedsstaaten nicht anders weiter, als die Zivilgesellschaft zur Aktion zu rufen. Die Demokratie sei in Gefahr. In einem parteiübergreifenden Aufruf warnen die Initiatoren vor dem bestehenden Ungleichgewicht von Interessengruppen aus dem Finanzsektor und fordern die Bürger auf, eine Nichtregierungsorganisation zu gründen, die ein Gegengewicht zur Bankenlobby darstellen könnte.

Einer der Initiatoren ist der Abgeordnete Sven Giegold (Grüne). Für ihn ist der Aufruf keineswegs ein Versagen der Politik; den Vorwurf, dass die Politiker anscheinend trotz der ihnen übertragenen politischen Macht nicht in der Lage sind, selbstständige Entscheidungen zutreffen, weist er zurück: „Demokratie besteht nicht nur aus gewählten Repräsentanten, die Gesetze entwerfen. In allen Räumen finden politische Entscheidungen statt.“ Dazu gehörten ebenso Vertreter diverser Interessengruppen. „Die Firmen geben nicht ohne Grund Millionen in Brüssel aus.“ Es sei ein Teil der Demokratie, dass jeder seine Anliegen vorbringen kann, allerdings sei die Glaubwürdigkeit unabhängiger Experten größer. Wie Greenpeace es bei Umweltfragen mache, so könnte sich Giegold, der lange bei Attac gearbeitet hat, eine unabhängige Gegenstimme zu den Bankenlobbyisten vorstellen. Zwar hindere dieser Mangel die Abgeordneten nicht, ihre eigenen Standpunkte zu formulieren. Aber die ständige, einseitige Präsenz von Lobbyisten der Banken trage „zu einer stärkeren und einseitigen Berücksichtigung der Belange des Finanzsektors bei und schränkt mit Sicherheit die Fähigkeit der politischen Verantwortlichen ein, unabhängige Entscheidungen zu treffen“, kritisiert Giegold.

Tatsächlich sind die Brüsseler Expertengruppen zur Regulierung der Finanzmärkte unausgewogen: Im November vergangenen Jahres veröffentlichte das europäische Netzwerk Alter-EU eine Studie, die zeigte, dass acht von 19 EU-Expertengruppen von Lobbyisten der Finanzbranche dominiert werden. Damit stehen den 150 Beamten der europäischen Kommission 229 Experten aus dem privaten Bankensektor gegenüber.

Der Aufruf stieß auf große Resonanz. Bisher schlossen sich mehr als 100 Parlamentarier an, viele Privatpersonen und Organisationen meldeten sich bei den Initiatoren, um bei einer neuen Gruppierung mitzuhelfen. Für Ende September haben die Initiatoren aus den Antworten auf ihren Aufruf 100 Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, aus der Wirtschaft und von Fachschaften eingeladen. Dann soll über die Gründung einer unabhängigen Organisation verhandelt werden.

Doch dass die Zivilgesellschaft der Bankenlobby eine ebenbürtige Stimme entgegensetzen kann, bezweifelt Nina Katzemich vom gemeinnützigen Verein Lobby Control. „Einerseits haben wir nicht die gleichen Ressourcen wie die Finanzlobby, andererseits ist die Thematik so kompliziert, dass die Bürger diese Gegenexpertise nur zu einem bestimmten Grad aufbauen könnten“, gibt sie zu bedenken. Es handele sich dabei aber um eine Aufgabe, die die Politik selber lösen sollte. „Solange in den Expertengruppen eine absolute Dominanz der Finanzlobby herrscht, ist es kein Wunder, dass immer nur die gleichen Ergebnisse herauskommen.“

Dabei sei das Fachwissen der Experten von Vorteil, sagt der Politikwissenschaftler Peter Lösche: „Schließlich sind die Politiker bei ihrer Entscheidungsfindung auf die Erfahrung von Experten angewiesen.“ Bei Tarifverhandlungen etwa entlasten Verbände den Staat durch vorherige Absprachen. Für den Bürger stellten Interessensverbände die Möglichkeit dar, am politischen Leben teilzunehmen. Doch auch Lösche sagt: „Die Vorstellung, dass alle Interessen sich organisieren und gleichwertig konkurrieren, ist illusorisch.“ Lösche rät zu besser durchschaubaren Abläufen in den Behörden, auch um den Lobbyismus zu entmystifizieren. „Durch Transparenz und Offenlegung besteht die Chance, das Gerücht, die Verbände seien allmächtig, die Lobbyisten die Strippenzieher im Dunkeln, die Politiker korrupt und die Parteien bestechlich, wenigstens infrage zu stellen.“

Auch Lobby Control fordert mehr Transparenz, aber auch Schranken: „Die privilegierten Zugänge für Lobbyisten wie sie die EU durch das Expertentum schafft, müssen wieder abgeschafft werden.“ Katzemich befürwortet zwar Beratergruppen, „doch in diesen sollten weit weniger als die Hälfte von privatwirtschaftlichen Interessensgruppen sein“.

In Deutschland sieht Katzemich weniger das Problem der parteiischen Experten, auch weil der Bundestag einen unabhängigen wissenschaftlichen Dienst beschäftigt. Besorgniserregender sei die enge Verflechtung zwischen Banken, Politikern und Aufsichtsbehörden der Banken. Der Wechsel vom Finanzministerium in eine Bank oder andersherum sei der unabhängigen Arbeit hinderlich. Auch Lösche sagt: „Der Drehtüreffekt, dass etwa ein Minister ausscheidet und seine Kompetenzen und Beziehungen nutzt, um als Lobbyist weiterzuarbeiten, sollte verhindert werden. Hier könnte eine Karenzzeit von zwei bis drei Jahren eingeführt werden, in der der ehemalige Minister nicht als Lobbyist arbeiten darf.“

Übrigens hat sich am vergangenen Mittwoch ein neues Gremium zur Regulierung der Finanzmärkte zum ersten Mal getroffen. Die „Expertengruppe zu Bankfragen“ der Europäischen Union besteht aus 40 Mitgliedern – 37 davon aus der Finanzlobby.

Quelle: http://www.tagesspiegel.de/politik/die-ohnmaechtigen-im-europaparlament/1885936.html

 

Siehe auch Lobbycontrol :http://www.lobbycontrol.de/blog/index.php

 

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<br /> Besonders schön wäre es, wenn Ihr den Aufruf an die Bundes- und<br /> Landtagsabgeordneten aus Eurer Region weitersendet. Den Text des<br /> Aufrufs in verschiedenen Sprachen, die Liste der Erstunterzeichnenden,<br /> weitere Informationen und die Möglichkeit, selbst mit zu zeichnen,<br /> findet Ihr unter:<br /> <br /> www.finance-watch.org<br /> <br /> <br />
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