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Vollgeld: Neues Geld braucht die Welt!

Das Konzept des Vollgelds bietet eine Alternative, die nicht nur einfach und konsequent ist, sondern dazu beitragen kann, die enormen Staatsschulden abzubauen.

Zum Thema Geld kursieren viele Missverständnisse. Ein Grund ist unsere ziemlich schräge Geldordnung. Mit ihrem Neben- und Miteinander von staatlichem Bargeld und bankengeschöpftem Giralgeld hat sie zur Finanz- und Staatsschuldenkrise ursächlich beigetragen. Mit einer Geldmengenreform, dem sogenannten Vollgeld, gibt es eine Alternative.

Das Geldsystem

Die meisten Menschen glauben, Geld funktioniere so: Nur die Zentralbank darf Geld drucken, welches sie über die Banken in den Geldkreislauf gibt. Menschen heben Geld ab und geben es aus, der Handel zahlt es wieder bei den Banken ein. Bargeldlose Vorgänge gibt es, weil das ja viel praktischer ist. Wer momentan zuviel Geld hat, spart es, und die Banken können dieses Gesparte an andere gegen Zinsen verleihen, die mit diesem Geld "arbeiten".

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Es gibt mit Zentralbank, Geschäftsbanken und Publikum drei Akteursgruppen, die ein zweistufiges Bankensystem definieren. Die zwei Geldkreisläufen sind allerdings beide fast vollständig unbar. Sie vermischen sich nie, beeinflussen aber einander. In den ersten, den Interbankenkreislauf, speist die Zentralbank das Geld ein, sogenanntes Zentralbankgeld. Es dient dem Zahlungsverkehr der Banken untereinander sowie mit der Zentralbank und ist teilweise ein "Sicherheitspolster" der Banken (daher auch "Reserven" genannt). In den zweiten, den Publikumskreislauf, speisen die Banken das Geld ein.

Sowohl Zentralbank als auch Banken schöpfen Geld durch Kreditvergabe: Die Zentralbank gewährt den Banken Zentralbankkredit, den die Banken als unbare Reserven und bare Kassenbestände in ihrer Bilanz führen.

Die Banken gewähren ihren Kunden "normale" Kredite. Sie schöpfen dieses Giralgeld (ebenso wie die Zentralbank) buchstäblich aus dem Nichts. Sie "drucken" Giralgeld, indem sie dem Girokonto des Kunden einen Betrag gutschreiben und eine formale Gegenbuchung in ihrer Bilanz vornehmen. Dabei verwenden sie weder Reserven, noch Bargeld, noch Spareinlagen. Sie müssen lediglich die Vorgabe der sogenannten Mindestreserve beachten. Unterschreitet die Mindestreserve den erforderlichen Wert, muss sich die Bank bei der Zentralbank über weitere Zentralbankkredite "refinanzieren".

Rückzahlung der Kredite löscht dieses Geld wieder. Das Giralgeld wird somit in einem hoheitlichen Akt gewissermaßen öffentlich in den Geldkreislauf geschöpft und auch wieder entfernt, so dass Banken nicht einfach Geld "für sich" schöpfen können. Offiziell ist dieses Giralgeld kein gesetzliches Zahlungsmittel, denn es ist "nur" ein Kredit, ein Anspruch auf Bargeld. Tatsächlich ist es das Zahlungsmittel schlechthin. Durch Herauf- und Herunterregeln der Reserven im ersten Kreislauf wird die maximale Geldmenge im zweiten Kreislauf gesteuert.

Geld, Wert und Hoffnung

Der Wert des Geldes beruht auf seiner Kaufkraft, auf nichts sonst. Kaufkraft ist das Vertrauen aller, gegen Geld Waren und Dienstleistungen erwerben zu können und aus diesem Grunde auch Waren herzustellen und Dienste zu leisten. Modernes Geld ist reines "Zeichengeld" ohne materielle Deckung. Fast alle realwirtschaftlichen Kredite rechtfertigen im Nachhinein die in sie gesetzte Hoffnung, indem sie für die Schaffung von Waren und Dienstleistungen eingesetzt und am Ende zurückgezahlt werden. Es gibt keine andere wirksame "Deckung" von Geld. Auch Gold kann man nicht essen - es zählt am Ende immer die Kaufkraft, nicht die Deckung.

In Deutschland wuchs allerdings im Zeitraum 1992-2008 das realwirtschaftliche Bruttoinlandsprodukt nominal (mit Inflation) um 51 %, während die Geldmenge nicht im Gleichschritt, sondern um 189 % wuchs. Diesem überproportionalen Geldmengenzuwachs entspricht eine Zunahme von Krediten, und zwar vorwiegend für Geldanlagen die weniger der Finanzierung und mehr der Spekulation dienten. Aktien, Immobilien, Rohstoffe und zunehmend innovative Finanzprodukte wurden vor allem von Großanlegern mit nur wenig Eigenkapital und umso mehr Kredit erworben.

Die Finanzwirtschaft begann sich in einem großen Karrussel zu drehen, getrieben von der Suche nach einer maximalen Rendite, genährt von einer unbehinderten Geldschöpfung durch die Banken mittels Kredit. Nicht Geld, sondern zunehmend Kredit suchte nach Anlagemöglichkeiten. Die in die Kredite gesetzte Hoffnung erfüllte sich in der Hausse nur dadurch, dass es Anleger gab, die die Hoffnung noch höher einschätzten und die immer teureren Geldanlagen einander abkauften. Ein Schneeballsystem, welches immer wieder in "Finanzkrisen" zum Erliegen kam.

Die Kritik

Die Befürworter von Vollgeld sehen in der Geldordnung eine Frage von Verfassungsrang und die Kontrolle der Geldmenge als ordnungspolitische Aufgabe. Diese Aufgabe ist der Zentralbank entglitten und übergegangen auf die Banken, von denen die Initiative zur Geldschöpfung ausgeht. Die Zinspolitik der Zentralbank ist kein wirksames Steuerungsinstrument, tatsächlich bedient die Zentralbank praktisch jeden Wunsch der Banken nach neuen Reserven, der krisengeschüttelten Institute erst recht.

Die Banken sollen die Wirtschaft nicht mit Geld versorgen oder es ihr entziehen - ihre Aufgabe ist es, die Wirtschaft zu finanzieren. Beide Aufgaben verfolgen unterschiedliche Ziele und führen zu einem Interessenkonflikt. Die Banken speisen über Kredite Hoffnung in das System ein und verdienen daran. Das ist fehlende Gewaltenteilung.

Der Staat ermöglicht den Banken einen illegitimen Zinsgewinn aus der Giralgeldschöpfung, der sogar aus der Staatskasse stammt, soweit es die Staatsschulden betrifft. Diese Privilegierung erzeugt eine Umverteilung.

Kreditgeschöpftes Geld ist unsicheres Geld. Es kann durch Bankeninsolvenz verloren gehen und muss daher hilfsweise durch Einlagensicherungsfonds abgesichert werden.

Die Eigeninteressen der Banken führen zu einer prozyklischen Erhöhung und Verringerung der Geldmenge. Konjunktur- und Börsenzyklen werden so in die Extreme verstärkt. Leicht verfügbares Geld führt zu Inflation insbesondere im Bereich der Anlagegüter (Aktien, Immobilien, Rohstoffe).

Das Reservesystem ist intransparent. Bargeld spielt in diesem grundsätzlich unbar gewordenen System eine komplizierte Sonderrolle. Es kann Bestandteil beider Kreisläufe sein. Die Geldmenge ändert sich daher bereits durch ganz normale Geschäftstransaktionen permanent. Die Berechnungsformel der Mindestreserve setzt die beiden Geldkreisläufe kaum begründbar zueinander in Beziehung.

Ausufernde Staatsschulden sind faktisch ein Anwerfen der Notenpresse, denn mit neuen Staatskrediten wird stets auch neues Giralgeld geschöpft. Die Banken haben den Staaten immer bedenkenlos Kredit gegeben, und die damit erworbenen Staatsanleihen wurden wiederum als "erstklassige Wertpapiere" bei der Zentralbank zur Refinanzierung hinterlegt - ein zunehmend selbstbezüglicher Kreislauf.

Einfach, transparent, konsequent: Vollgeld

Eine Reform der Geldschöpfung ist weder eine Währungsreform, noch hat sie irgendetwas mit Verstaatlichung zu tun: Es ist eine formale Geldmengenreform. Im realen Geldverkehr ändert sich praktisch nichts. Wer nicht informiert wurde, bemerkt es nicht einmal. Alle vorhandenen technischen Systeme können mit geringen Modifikationen bruchlos weiter verwendet werden.

Die Zentralbank wird aufgewertet zu einer vierten staatlichen Gewalt ("Monetative"), der die Ausübung der Geld- und Währungshoheit obliegt. Im gleichen Sinne, wie die Justiz von Weisungen unabhängig und nur dem Gesetz verpflichtet ist, ist auch die Monetative unabhängig und nur der Sicherstellung der geldpolitischen Ziele verpflichtet.

Ab einem Stichtag erhält die Zentralbank das ausschließliche Recht, zusätzlich zu Bargeld auch alles unbare Geld in Umlauf zu bringen. Giralgeld wird damit zu Vollgeld, zu vollwertigem gesetzlichem Zahlungsmittel. Geld wird identisch mit Zentralbankgeld. Es wird nur noch eine Geldmenge geben, die auf durchschaubare Weise zirkuliert. Die Girokonten werden aus den Bankbilanzen ausgegliedert und als Geldkonten der Kunden von den Banken nur noch verwaltet. Die Guthaben darauf stellen ab Umstellung Zentralbankgeld dar.

Zentralbank und Bankkunden "tauschen" sozusagen am Tag X: Der Kunde erhält von der Zentralbank Vollgeld für sein Giroguthaben, die Zentralbank übernimmt vom Kunden dessen Auszahlungsanspruch gegenüber der Bank, macht ihn aber erst geltend, wenn Kunden bestehende Alt-Kredite tilgen. Immer dann wird "altes" Giralgeld in entsprechender Höhe an die Zentralbank zurückgeführt und somit gelöscht - und entsprechend ersetzt durch neues Vollgeld per Seigniorage, so dass die Geldmenge erhalten bleibt. Diese Ausschleusung von "altem" Giralgeld vollzieht sich im Hintergrund über mehrere Jahre.

Banken können dann nur noch Geld verleihen, über das sie tatsächlich verfügen, als Spareinlagen oder Geldmarktkredit oder anders beschafft. Jeder Kredit ist somit voll finanziert. Ironischerweise funktioniert das Kreditwesen dann tatsächlich so, wie die meisten Menschen glauben, dass es bereits heute funktioniere. Die Banken werden Kredite wieder auf den realwirtschaftlichen Bereich konzentrieren (müssen) - für Spekulation wird signifikant weniger Finanzierung zur Verfügung stehen.

Gleichzeitig wird ein großer Teil der staatlichen Regulierungen entfallen können, weil die Sicherheiten im System eingebaut sind. Somit ist Vollgeld auch ein Schritt in Richtung mehr Marktwirtschaft. "Es kommt nicht darauf an, viel und immer mehr zu regeln, sondern möglichst wenig, das aber ordnungspolitisch richtig, im Sinne einer gesetzlichen Verfasstheit der Märkte." (Joseph Huber)

Seigniorage und der Abbau der Staatsschulden

Die Erstausgabe von Geld bringt dem Staat Gewinn ein, wenn er das Geld nicht wie heute als als verzinslichen Kredit in Umlauf bringt, sondern als Staatsausgaben. Man spricht von der sogenannten "Seigniorage". Neues Geld landet so oder so im Wirtschaftskreislauf und wird Teil der Geldmenge, aber es ist ein Unterschied, wo und wie es seinen Anfang nimmt. Im heutigen kreditbasierten Geldsystem geht neues Geld als Vorschuss auf die künftige Leistung des Kreditnehmers in Umlauf, während neues Geld per Seigniorage als Nachweis für bereits erbrachte Leistung in Umlauf käme.

Die laufende Seigniorage hängt vom jährlichen Geldmengenwachstum ab. Die Geldpolitik der Zentralbank soll am Produktionspotenzial bzw. Wachstumspotenzial der realen Wirtschaft orientiert sein, kurz: In etwa im Gleichschritt mit dem BIP. Das wäre beispielsweise in Deutschland bei einem BIP von 2,5 Billionen Euro und einem Wachstum von 1 % eine laufende Seigniorage von 25 Milliarden Euro, die jährlich dem Staatshaushalt zugute kommt. Falls es kein Wachstum gibt, gibt es auch keine Seigniorage.

Die Umstellung auf Vollgeld bringt allerdings einen einmaligen Seigniorage-Gewinn in Höhe des gesamten kreditgeschöpften Geldbestandes (Stand Deutschland Ende 2010: über 1.300 Mrd. Euro), mit dem der größte Teil der Staatsschulden in kurzer Zeit getilgt werden könnte. Die Umstellung der "Geldphilosophie" von Vorschuss auf Nachweis ist praktisch ein Nachholen der bisher entgangenen Seigniorage.

Es klingt zu fantastisch, um wahr zu sein. Wie geht das, und warum geht das mit rechten Dingen zu? Tatsächlich ist Seigniorage eine Art Steuer, die den Vorteil hat, sowohl gleichmäßige als auch intransparente Auswirkungen zu haben, so dass niemand zu klagen braucht. Sie ist ein "Kuppelprodukt der Geldpolitik" (Carsten Lange) und wird von allen getragen. Die Frage, wer diese "Sondersteuer" zahlt, ist in etwa so schlecht zu beantworten, wie die Frage nach dem Beitrag einer Marketingabteilung zum Unternehmensgewinn. Vordergründig verursacht die Marketingabteilung nur Kosten, ihr Beitrag zum Gewinn ließe sich nur durch eine "testweise Schließung" ermitteln. Das wäre aber kein Test, sondern eine andere Wirklichkeit. Ähnlich verhält es sich mit der Seigniorage: Wer sie zahlt, hängt davon ab, wer höhere Steuern zahlen müsste, wenn es die Seigniorage nicht gäbe - alles im Konjunktiv.

Warum bleibt diese Schuldentilgung für das Wirtschafts- und Finanzsystem weitgehend folgenlos? Weil die damit verbundenen Leistungen bereits erbracht worden sind. Wäre der Staat schuldenfrei, wäre die Umstellung auf Vollgeld dramatisch, denn der Staat wäre auf einmal reich. Ironischerweise machen die hohen Schulden die Umstellung leichter. Der ganze Vorgang betont den Charakter einer Staatsschuld als "in die Zukunft verschobene Steuer" (denn jede Staatsschuld muss einmal über Steuern wieder getilgt werden). Die Seigniorage ist ein Teil dieser verschobenen Steuer, die als Leistung bereits "erhoben" wurde.

Fazit

Vollgeld ist das System, dass man ohne langes Nachdenken einführen würde, wenn man von vorn anfangen könnte. Es ist pure Vernunft. Eine detaillierte Analyse, welche Konsequenzen eine Vollgeld-Reform für unser Wirtschaftssystem im einzelnen hätte, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die noch vor uns liegt.

Letztlich ist Vollgeld aber auch eine Glaubensfrage: Wollen wir weiterhin neoliberale Maßlosigkeit, oder ziehen wir eine wahrhaft liberale Mäßigung vor?

von Andreas Siemoneit

Quelle: http://www.fortschrittsforum.de/debattieren/wirtschaft-wachstum/artikel/article/vollgeld-neues-geld-braucht-die-welt.html

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