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9. Februar 2011 3 09 /02 /Februar /2011 09:11

"In den letzten Jahren haben wir viele Male hier erwähnt, dass in der ganzen arabischen Welt eine Menge junger Leute heranwächst, die eine tiefe Verachtung für ihre Führer hat, und dass es früher oder später zu einem Aufstand kommen werde. Dies waren keine Prophezeiungen, sondern eher eine nüchterne Analyse von Wahrscheinlichkeiten.

Der Aufstand in Ägypten wurde durch wirtschaftliche Faktoren bestimmt: die wachsenden Lebenskosten, die Armut, die Arbeitslosigkeit, die Hoffnungslosigkeit der gebildeten jungen Leute. Aber lassen wir kein Missverständnis aufkommen: die zu Grunde liegenden Ursachen liegen viel tiefer. Sie können mit einem Wort zusammengefasst werden: Palästina.

*In der arabischen Kultur ist nichts bedeutsamer als die Ehre*. Die Menschen können Not ertragen, aber keine Demütigungen.

Was jeder junge Araber von Marokko bis Oman täglich sah, war , dass seine Führer sich demütigten, indem sie die palästinensischen Brüder im Stich ließen, um Gunst und Geld von Amerika zu erhalten. Sie kollaborierten mit der israelischen Besatzung und katzbuckelten vor den neuen Kolonialherren. Dies war für junge Leute zu tiefst demütigend, die mit den Errungenschaften der arabischen Kultur vergangener Zeiten und dem Ruhm früherer Kalifen aufgewachsen sind.

*Nirgendwo war der Ehrverlust offensichtlicher als in Ägypten*, das offen mit der israelischen Führung kollaboriert, in dem es die schändliche Blockade über den Gazastreifen verhängt und so 1,5 Millionen Araber der Unterernährung und Schlimmerem preisgibt. Es war niemals nur eine israelische Blockade, sondern eine israelisch-ägyptische, die mit 1,5 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschmiert wurde.

Ich habe viele Male – laut – darüber nachgedacht, wie ich mich als 15-jähriger Junge in Alexandria, Amman oder Aleppo fühlen würde, wenn ich meine Führer sehe, wie sie sich wie unterwürfige Sklaven der Amerikaner und Israelis benehmen, während sie ihre eigenen Untertanen unterdrücken und ausplündern. In diesem Alter schloss ich mich einer terroristischen Organisation an. Warum sollte ein arabischer Junge anders sein?

Ein Diktator kann toleriert werden, wenn er die nationale Würde reflektiert. Aber ein Diktator, der nationale Schande ausdrückt, ist ein Baum ohne Wurzeln – ein starker Wind wird ihn zu Fall bringen."

Quelle: http://www.uri-avnery.de/news/123/15/Eine-Villa-im-Dschungel

Uri Avnery (http://www.uri-avnery.de/biografie) war einer der ersten Israelis, die nach dem Krieg von 1973 den Kontakt nach Ägypten gesucht haben und auch dort waren.*Er hat eine spezielle Sicht auf den Aufstand* in Ägypten, die ich in der Berichterstattung bisher so noch nicht wahrgenommen habe. Aber die Frage der allgemeinen Legitimation der Herrschenden spielt sicherlich eine Rolle bei der Frage, wie stark der Unmut sich artikuliert.
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*Human Rights Watch spricht von fast 300 Toten in Ägypten* Menschenrechtsgruppe schätzt Opferzahlen nach Besuchen in Spitälern
Dass die Strassenschlachten und Zusammenstösse zwischen Gegnern und Anhängern des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak mit Opfer gefordert haben, war bekannt. Es kam auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Das ägyptische Gesundheitsministerium hat bisher jedoch  keine umfassenden Opferzahlen genannt.

Viele starben an Schussverletzungen

Die in den USA ansässige Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch basiert ihre Opferschätzung vom Montag auf Besuchen in sieben Spitälern in Kairo, Alexandria und Suez. Human Rights Watch habe auch Gespräche mit Ärzten geführt und Leichenschauhäuser besucht, sagte Mitarbeiterin Heba Morayef der Nachrichtenagentur AP. Die Mehrheit der Todesfälle geht laut ihren Angaben auf Schüsse zurück. Bei wie vielen Opfern es sich um Demonstranten handelt, sei nicht bekannt.

Morayef sagte weiter, in Kairo seien 232 Menschen ums Leben gekommen, davon 217 in den Tagen bis zum 30. Januar. Weitere 15 wurden bei Zusammenstössen zwischen Anhängern und Gegnern der Regierung am 2. und 3. Februar auf dem Tahrir-Platz in der Hauptstadt getötet. Aus Alexandria meldet Human Rights Watch52 Todesopfer, aus Suez deren 13.

Quelle:
<http://www.ftd.de/politik/international/:human-rights-watch-bericht-massenprotest-in-aegypten-kostete-hunderten-das-leben/60008932.html>
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Ein Beitrag des Redaktionspool - metainfo hamburg
http://www.meta-info.de

*Die Stärke der muslimischen Netzwerke im neoliberalen Umfeld*

Aktuell wird immer wieder diskutiert (oder lamentiert) mit Blick auf die Moslem-Bruderschaften, insbesondere der nordafrikanischen Laender, und eine Bedrohung der westlichen Welt sowie insbesondere Israels durch fundamentalistische Machtuebernahmen.

Ausgeblendet wird bei diesen Diskussionen fast durchweg, worauf die Staerke dieser muslimischen Netzwerke beruht: wer diese Spur verfolgt, stellt fest, dass nun der Finger zurueck zeigt: auf das System des westlichen Neoliberalismus.

Eine Analyse der Strukturen der Laender, in denen die Moslem- Bruderschaften massgebliche Teile der Bevoelkerung binden, zeigt vielfach dasselbe Bild: der jeweilige Staat wird beherrscht von *Machteliten, meist eng verknuepft mit dem Militaer des Landes*, die symbiotische Beziehungen mit den westlichen Laendern, oft auch der frueheren Kolonialmacht, unterhalten. Meist wird von diesen ein Kulturimport betrieben oder unterstuetzt, der die westlichen Industrielaender als dominierenden Zentren der Entwicklung betrachtet.

In der oekonomischen Struktur des Landes sind Korruption und Vetternwirtschaft praegende Elemente und werden von den westlichen Partnern in der Regel nicht infrage gestellt sondern als vorteilhafte Mechanismen zur Realisierung der eigenen Interessen genutzt.

Die politische Dominanz wird mehr oder weniger unmittelbar militaerisch abgeleitet: sie verknuepft sich mit der Verfuegung ueber ueberlegene Ruestungstechnologie.

Mit Letzterem sind die Masstaebe im globalen Rahmen gesetzt: die USA, die als erster Staat die ultimative Waffe, die Atombombe entwickelten, dazu die entsprechenden Traegersysteme: Kampfbomber - U-Boote, Langstreckenraketen, Flugzeugtraeger - und als organisierendes Zentrum dieser Macht: das Pentagon gilt den herrschenden Militaers quasi als das Mekka der hoechsten verfuegbaren Militaergewalt, die politisch umgesetzt, sich auch in umfassende wirtschaftliche Profite ummuenzen laesst.

*Dies wird in Aegypten in der Position des Diktators Mubarak deutlich*:
er konnte seine Karriere in der aegyptischen Luftwaffe entwickeln - und die Luftwaffe nimmt im Kontext des militaerischen Komplexes fast durchweg eine ueberlegen-elitaere Stellung ein - er konnte die Zugehoerigkeit zur militaerischen Elite in politische Macht umsetzen und nicht zuletzt mit seinem inzwischen auf 70 Milliarden Dollar taxierten Vermoegen auch oekonomisch bemerkenswerte Erfolge erzielen, die ihm im globalen Vergleich einen Spitzenplatz sichern.

Diese Struktur, die in vielen Laendern des islamischen Raums (und darueberhinaus) zu beobachten ist, produziert gleichzeitig eine große Zahl von Verlierern, die mehr oder weniger vollstaendig abgekoppelt werden von dem sich entwickelnden Reichtum des Landes durch Ausbeutung verfuegbarer Rohstoffe oder industrieller Entwicklung auf niedrigem Niveau oder durch Tourismus.

Zu den Verlierern gehoert meist die Landbevoelkerung sowie die Teile der Bevoelkerung, die nicht bereit sind, die global vorgegebene Leitkultur der USA, dessen Masstaeben sich die militaerisch-wirtschaftliche Elite unterordnet, bedingungslos zu akzeptieren. Damit liegt der Ball im Spielfeld der Organisationen und Strukturen, die sich auf die traditionellen und autonomen Werte der eigenen Kultur und Geschichte fokussieren, und diese zum alternativen Masstab machen, waehrend die Uebel der amerikanischen Leitkultur der universellen Kaeuflichkeit vielfach offenkundig werden: Drogenhandel, organisierte Kriminalitaet, Prostitution, Korruption, mit denen große Teile der wirtschaftlich Benachteiligten alltaegliche Erfahrung machen.

Gegen diese Uebel, die von links-oppositionell bzw. sozialistisch orientierten Gruppierungen nicht addressiert werden (Mitglieder etwa der PLO wurden zunehmend auffaellig, dass sie, wie Jassir Arafat ihre Profite im Betrieb von Casinos suchten), wurden die moralischen Werte des Islams geschaerft und als Loesungsweg fuer eine souveraene Existenz, jenseits von Profitsucht, Prostitution, Korruption usw. ueberzeugend praesentiert.

Der Djihad, der in der eigentlichen Bedeutung des Begriffs nicht den Krieg gegen die Unglaeubigen meint, sondern den persoenlichen Kampf  um eine souveraene, moralische Existenz, ausgerichtet auf Werte, die hoeher angesiedelt sind, als die gesellschaftlichen Masstaebe, als Wohlstand, Karriere, Prestige, finanzieller Profit.

*Diese Ausrichtung an einer moralisch-religioesen Ueberlegenheit*, an einem dadruch souveraen-autonomen Lebenstil vor dem Hintergrund der eigenen kulturellen Tradition steht damit ideologisch der gesellschaftlich herrschenden Stroemung nahezu diametral gegenueber: diese ist gepraegt von der Dominanz des "american way of life" (unter Einstreuung einiger passender Zutaten aus dem jeweiligen Lokalkolorit). Ihr "Mekka" findet sich zwischen Hollywood, der Wallstreet und dem Pentagon als ultimativ massgebliche Instanzen der Orientierung.

Verschaerft wird dieser Kontrast durch eine weitere Ebene, die die oekonomische Existenz der Beteiligten / Betroffenen unmittelbar beruehrt:

der Neoliberalismus hat - mit gutem Grund - ein zentrales Element eliminiert, das frueher den sozialen "Kitt" des gesellschaftlichen Zusammenhangs lieferte: die Solidaritaet, die gegenseitige Hilfe unter den Mitgliedern des Gemeinwesens wurde als obsolet und laestig ersetzt durch die universelle Konkurrenz des "jeder gegen jeden", bzw. des "divide et impera" auf der Ebene des sozialen Mikrokosmos.

An die Stelle der Solidaritaet oder auch der kooperativen Wirtschaftsweise, wie sie die Grundlage z.B. genossenschaftlicher Betriebe ist, trat die Abhaengigkeit von Dienstleistungen als Produkten von Unternehmen, die auf diesem Weg privatisierte Profite generieren.
Somit steht der Einzelne schließlich in vollstaendiger Abhaengigkeit von kommerziell betriebenen Versorgern, denen er unterworfen wird. Es ergibt sich ein System, in dem ein menschnwuerdiges Ueberleben nur noch dem moeglich ist, der wirtschaftlich erfolgreich ist. Dies versetzt Großkonzerne, die - mit welchen Mitteln auch immer - exorbitante Profite erwirtschaften,  auf die fuehrenden Plaetze, waehrend Diejenigen, die nicht bereit sind,  sich den Masstaeben des neoliberalen Systems zu unterwerfen, *als Schlusslichter im sozialen Abseits rangieren*.

Eine entsprechende Entwicklung kann auch fuer Laender, wie Aegypten, als fortgeschritten gelten. Grosse Teile der Bevoelkerung befinden sich im sozialen Aus. An diesem Punkt liegt der Ball wiederum im Feld der muslimischen Netzwerke: da sie den Werten und Strukturen des Neoliberalismus nicht folgen, knuepfen sie an an das Konzept der gegenseitigen Hilfe, der sozialen Solidaritaet, das in frueheren Zeiten auch erfolgreich aufgenommen wurde von den Arbeiterbewegungen in Europa und anderen Laendern, die vielfach Strukturen der gegenseitigen Hilfe, der sozialen Netzwerke, Konsumgenossenschaften usw. unterhielten. (hier ist zu erinnern etwa an den Fall der Neuen Heimat, der COOP usw.)

Von den muslimischen Netzwerken wurden eine Reihe von sozialen Einrichtungen, Schulen, soziale Unterstuetzung usw. aufgebaut, die fuer viele zu einer Alternative zur vollstaendigen sozialen Verelendung wurden. Demgegenueber stehen z.B. linke oppositionelle Gruppierungen mit leeren Haenden da: sie verweisen in der Regel auf einen Tag X ihrer moeglichen Machtuebernahme, an dem sie sich darum bemuehen wuerden, die gesellschaftlichen Ressourcen neu zu verteilen. Ihre Chancen auf Resonanz liegen damit im Vergleich praktisch gleich Null, auch vor dem Hintergrund vielfacher historischer Erfahrungen in der Vergangenheit, bei  denen sich herausstellte, dass auch im Fall einer solchen Machtuebernahme sich die Fuehrungskader solcher linksrevolutionaerer Parteien oder Bewegungen als korrupt erwiesen. Entsprechende Entwicklungen konnten in vielen arabischen Laendern, darunter bei der palaestinensischen PLO/Fatah, in Algerien, Aegypten, wo sich die Staatspartei urspruenglich sozialistisch orientiert hatte, usw.
beobachtet werden.

*Der großen Zahl unter den verelendeten Massen*, zu denen auch viele der jungerwachsenen Anhaenger der Protestbewegung in Aegypten  gehoeren, haben die sozialistisch orientierten Parteien und Organisationen wenig mehr zu bieten, als "die Taube auf dem Dach", waehrend die Moslembruderschaften durchaus mehr bereithalten, als nur den "Spatz in der Hand", wie soziale Unterstuetzung, gegenseitige Hilfe, Krankenversorgung, Schulerziehung usw..

Darueberhinaus geniessen sie inzwischen einen signifikanten Auftrieb durch *die Entwicklung der Tuerkei*, wo die ebenfalls islamisch orientierte AKP unter Erdogan sowohl die oekonomische Entwicklung beschleunigen konnte als auch die nationale und kulturelle Souveraenitaet von der Ausrichtung auf die westlich-amerikanische Leitkultur unabhaengig machte und damit fuer die Mehrheit der Bevoelkerung wiederherstellte.

Die muslimischen Netzwerke in anderen Laendern liefern dort, wo das zunehmend dominante neoliberale System gewohnheitsgemaess die  Belange der breiten Bevoelkerung ignoriert, konkrete und praktische  soziale Unterstuetzung, aehnlich, wie dies in frueheren Zeiten auch im Rahmen der Arbeiterbewegung organisiert wurde. Diejenigen, die auf der anderen Seite *der Bevoelkerung nicht nur die Freiheit nahmen*, sondern ihr den Guertel - im Namen des Neoliberalismus - immer enger schnallen, waehrend sie sich selbst ungehemmt an den Ressourcen des Landes bedienen, mussten gleichzeitig das Mass der gewaltsamen  Repression zunehmend verschaerfen und den Druck erhoehen - bis, wie  es sich nun zeigt, *der Druck des Kessels uebergroß wurde*.

Die bisher eingesetzte Abschreckungsformel, mit der Alternative der muslimischen Netzwerke wuerden Terror und Elend Einzug halten, mit der das Mubarak-Regime sich jahrzehntelang an der Macht hielt, wird nun wirkungslos: Terror und Elend werden verbreitet von der neoliberalen Diktatur des Gewaltherrschers, waehrend sein Gegenpart, der tuerkische Regierungschef Erdogan, der mit seinem, den Moslembruderschaften nahestehenden Modell, Erfolge feiert und sein Ansehen in der islamischen Welt vermehrt.

*Der Zusammenbruch des neoliberal-westlich gestimmten Systems* der Mubarak-Diktatur scheint unaufhaltsam: die Kosten ihrer Aufrechterhaltung werden zu groß, waehrend die muslimischen Netzwerke - im Buendnis mit anderen Teilen der Opposition - als die natuerlichen Gewinner da stehen.


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Kommentare

Georg Ka. 02/12/2011 11:41


Jetzt mit dem Militär an der Macht könnte es mir der Revolution auch schnell wieder bergab gehen. Ich hoffe, dass die Menschen sich das in diesem Fall nicht gefallen lassen werden.


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