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3. Juni 2014 2 03 /06 /Juni /2014 14:08

Michael Lewis attackiert mit seinem neuen Buch „Flash Boys“ den Hochfrequenzhandel und zeigt, wie Märkte und Privatanleger manipuliert werden.

Vierzig Prozent der Geschäfte, die auf der elektronischen Handelsplattform der Deutschen Börse getätigt werden, gehen auf das Konto sogenannter Blitzhändler, wie man die Flash-Trader hierzulande nennt.

Ihr Geschäftsmodell basiert auf Hochtechnologie: Mit Hilfe von Computern, die - im Wortsinn - so nahe wie möglich an den Börsenrechnern stehen, verschaffen sie sich einen Informationsvorsprung im Millisekundenbereich. Mit Geboten, die innerhalb von Sekundenbruchteilen abgegeben und gleich wieder storniert werden, erkunden sie das Kaufinteresse von Investoren und treiben gleichzeitig den Preis der Aktie im Transaktionszeitraum nach oben. „Frontrunning“ nennt man diese Praxis des Zuvorkommens.

Ein Schlüsselwort des Buches ist „Beute“. Flash Trader wie Citadel oder Getco nennt Michael Lewis „Freibeuter“, ihre Firma „Absahner GmbH“, die ganze in der Öffentlichkeit vollkommen unbekannte Branche ist für ihn ein „Parasit“.

Eine Sicht der Dinge, die auch der Broker Charles Schwab teilt: Der Hochfrequenzhandel sei ein „wachsendes Krebsgeschwür“, das das Vertrauen der Anleger untergrabe und bei dem ein paar Spieler das System austricksen und dabei „Milliarden verdienen“, heißt es auf der Firmenwebseite.

Eine Studie der University of California hat gezeigt, wie viele Zugriffsmöglichkeiten ein Blitzhändler hat. Am untersuchten Börsentag zeigte allein die Apple-Aktie 55 000 Kursschwankungen. Reichlich Gelegenheiten also für die Computer der Blitzhändler.

Ausgerechnet in einer Welt, in der die Distanz durch das Internet marginalisiert zu werden scheint, zeigte sich im wirklichen Leben, welche Bedeutung dem Territorium zukommt. Es wurden nämlich weder Kosten noch Mühen gescheut, um die Geschwindigkeit des Datenverkehrs zu beschleunigen. Börsenhändler zahlten Unsummen, „um ihren Computer in einem Datenzentrum herumzuschieben, weil sie der Börse ein paar Zentimeter näher kommen wollten“.

Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit sei derart viel Geld ausgegeben worden, „um derart winzige Zeitvorteile zu erreichen“. Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft sei dadurch entstanden: „Die Einen zahlten für Nanosekunden, die Anderen hatten nicht einmal eine Ahnung, dass die Nanosekunde überhaupt einen Wert hatte.“

Das änderte sich nach dem als „Flash Crash“ in die Finanzgeschichte eingegangenen 6. Mai 2010, an dem der Markt aus nicht nachvollziehbaren Gründen innerhalb weniger Minuten um 600 Punkte abstürzte und sich wieder erholte. Die Börsenaufsicht SEC machte in ihrem Untersuchungsbericht einen Investmentfonds aus Kansas City verantwortlich, dessen Verkaufsorder von Aktienoptionen den Crash ausgelöst haben sollen.

Wie alle Bücher von Michael Lewis ist auch „Flash Boys“ spritzig geschrieben, sogar das sehr spezielle Thema Hochfrequenzhandel funktioniert, weil der Autor der Geschichte menschliche Gesichter gibt. Denn das ist eine Moral des Buches: Es sind noch immer Menschen, die hinter den Maschinen das Geschäft vorantreiben, auch wenn dieses selbst von Algorithmen beherrscht ist. Es ist dieselbe alte Gier am Werk, welche die Wall Street in die Katastrophe führte, und es hat nicht den Anschein, als hätte sich irgendetwas zum Besseren gewendet. Lewis macht dafür die „moralische Trägheit“ des Systems verantwortlich. Solange derart viel Geld verdient wird, wird sich daran auch nichts ändern.

Dennoch hat das Buch eine fundamentale Schwäche: Die im Titel angekündigten Flash Boys bleiben im Dunkeln. Stattdessen schlägt sich Lewis entschieden auf die Seite von Brad Katsuyama und der von ihm letztes Jahr gegründeten Börse IEX. Die arbeitet nach fairen Regeln und versucht, wieder vernünftige Marktbedingungen zu schaffen. Das ist gewiss ehrbar, als Leser aber reitet man deswegen stets mit den Guten, fragt sich dabei aber andauernd, wie denn die Bösen aussehen. Man liest nur von deren sagenhaften Einkünften. Es ist Lewis offenkundig nicht gelungen, einen von ihnen zum Reden zu bringen - es wird nicht einmal deutlich, ob er es ernsthaft versucht hat.

Ausgespart wird auch die Überlegung, ob es nicht an der Zeit wäre, den Hochfrequenzhandel gesetzlich einzuschränken oder gar zu unterbinden. 

Quelle: H. Hintermeier - http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/rezension-flash-boys-von-michael-lewis-12899266.html

- http://www.nytimes.com/2014/04/08/business/argument-for-financial-transaction-tax-regains-footing.html?_r=0

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